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Motivation: Eine psychoanalytische Interpretation

 

 

Von:

Alexander Miró

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis. 2

 

1. Einleitung. 3

2. Konstitution des psychischen Apparats. 3

2.1 Das Ich, Es und Über-Ich (Ichideal) 3

3. Verschiedene Modelle Freuds. 7

4. Das Triebkonzept 8

5. Das Lustprinzip und das Realitätsprinzip. 9

5.1 Die primäre und sekundäre Arbeitsweise des psychischen Apparates. 9

5.2 Das Lustprinzip und die Entstehung des Realitätsprinzip. 11

6. Das Motivationskonzept der Psychoanalyse. 15

7. Schlußbetrachtung. 16

 

 

Literaturhinweise. 18

 

 

1. Einleitung

Bei einer Auseinandersetzung mit Motivation gilt es bei der Bearbeitung einen bedeutenden Unterschied einzuräumen: Beim Leistungsmotiv, dem man etwa im betrieblichen Prozeß (z.B. im Zusammenhang mit Fra­gen der Arbeitsorganisation) begegnet, handelt es sich im wesentlichen nicht um ein angeborenes Verhalten, „sondern um eine Einschreibung in eine durch die Leistungsgesellschaft bestimmte „symbolische Ord­nung“ im Sinne der strukturalistischen Theorie“ (Schmale 1995, S. 227). So sehr es jedoch notwendig scheint, die Handlungsmo­tivation in das durch Symbole bestimmte System einer Gesellschaft einzubinden, so sehr muß jedoch gleichermaßen darauf insistiert werden, dass die motivationale Energie letztlich immer aus der Basis ursprünglichen Begehrens gezogen wird, dass somit die gesellschaftlichen Forderungen nicht ohne eine Einbindung indi­vidueller Wünsche erfüllt werden kann. Daher kann demgegenüber die Motivation im Sinne eines psychologischen Verständnisses als die Mobilisierung von Energien und ihrer Ausrichtung auf ein bestimmtes Ziel beschrieben werden (Vgl. Schmale 1995, S. 225f).

Verstehen wir Motivation in letzterem Sinne, liegt der Bezug zur Triebtheorie von Freud nahe. Freud hat mit seinen Darstellungen der psychischen Instanz eine Differenzierung derselben in Es, Ich und Über-Ich vorgenommen, die für die Untersuchung der Motivationsentwicklung einen fruchtbaren Beitrag liefern kann. In seiner Schrift „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“ entwirft Freud die Entwicklung des psychischen Apparats, der erst durch die Triebstruktur des Es beherrscht wird und sich im Anschluß daran, aus Versagung und Enttäuschung getrieben, der Realität unterwirft, um auf diesem Boden seine Wünsche und Bedürfnisse befriedigen zu können. In dieser Sichtweise wird verständlich, dass, bezieht man sich auf den Begriff Motivation, neben der Erreichung eines äußeren Ziels, es immer auch um die Konstitution des Ich selber und somit um die Konstitution von Subjekt und Objekt durch den Identifikationsprozeß des Handelnden mit seiner Handlung geht.

 

2. Konstitution des psychischen Apparats

2.1 Das Ich, Es und Über-Ich (Ichideal)

 

In seiner Schrift „Abriss der Psychoanalyse“ beschreibt Freud die Funktion des Seelenlebens als einen Appa­rat, dem sowohl eine räumliche Ausdehnung als auch eine Zusammensetzung aus mehreren Stücken zugeschrieben werden kann. Diese verschiedenen Teilgruppen des Apparats unterteilen sich in drei Instanzen, die auseinander hervorgehen und damit aus den vorhergehenden entwickeln.[1] Die älteste dieser psychischen Provinzen oder Instanzen bezeichnet er als Es. Der Inhalt dieser Instanz setzt sich zusammen aus dem ererbten, also von Geburt an im Menschen vorhandenen. Die aus der Körperorganisation stammenden Triebe finden hier einen ersten und in ihren Formen unbekannten psychischen Ausdruck und sind konstitutionell im Menschen festgelegt. Eine weitere Instanz ist das Ich: Es ist eine Instanz, die ursprünglich als Rindenschicht mit den Organen zur Reizauf­nahme und mit bestimmten Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet war, die von nun an zwischen Es und Außenwelt vermittelt.[2] Das Ich hat vorrangig die Verfügung über die willkürlichen Bewegungen, was auf seine ursprünglich enge Beziehung zwischen der Sinneswahrnehmung und Muskelaktionen zurückzuführen ist. Das Ich ist die Instanz, die die Wahrnehmung der Außenwelt und das Bewußtsein organisiert bzw. in sich trägt. Wie „ein  Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll“ sitzt dieses Ich dem von Trieben erfüllten dunklen Bereich, also dem Es, auf und versucht, „den Einfluß der Außen­welt auf das Es und seine Absichten zur Geltung zu bringen, ist bestrebt, das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu setzen, welches im Es uneingeschränkt regiert. Die Wahrnehmung

spielt für das Ich die Rolle, welche im Es dem Trieb zufällt. Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält“ (Freud 1923, S. 253f.). Dies gestaltet sich folgendermaßen:

Nach außen, indem es „die Reize kennenlernt, Erfahrungen über sie aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht), mäßigen Reizen begegnet (durch Anpassung) und lernt, die Außenwelt nach seinem Vorteil zu verändern.“ Nach innen wendet es sich gegen das Es, „indem es die Herrschaft über die Triebansprüche gewinnt [und] entscheidet, ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen“ (Vgl. Freud 1938, S. 10). Für die Entstehung des Ich ist auch der eigene Körper als ein Ort wichtig. Von ihm kann zugleich eine äußere und eine innere Wahrnehmung entstehen, wodurch die Möglichkeit gegeben ist, ihn wie ein anderes Objekt zu sehen. Hieraus ergeben sich zweierlei Empfindungen, von denen die eine einer inneren Wahrnehmung gleichkommen kann (Vgl. Freud 1923, S. 253). Freud definiert damit das Ich als ein zutiefst körperliches und als Projektion einer Oberfläche, womit er dem Ich einen festen anatomischen Ort zuweist.

Dem Ich seinerseits übergeordnet ist das „Über-Ich“. Das Über-Ich ist der Träger aller höheren Werte bzw. aller mit der Setzung und Einhaltung von Werten beauftragter Funktionen und Fähigkeiten des Individuums, wie Moral, Gewissen, Pflicht, Schuldgefühl usw. Ontogenetisch in der psychischen Entwicklung des Menschen wird es aufgebaut aus frühen, in den Einzelvorgängen sehr komplizierten, individuell und nach Geschlechtern unterschiedlichen Identifizierungen mit den Eltern. In der Kindheit waren uns diese „höheren Wesen“ bekannt und später haben wir sie bewundert und in uns aufgenommen (Freud 1923, S. 264). Freud schreibt hierzu, dass als Ergebnis der vom Ödipus beherrschten Sexualphase ein Niederschlag im Ich angenommen werden kann, „welcher in der Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander vereinbarten Identifizierungen besteht [gemeint sind hier die beim Untergang des Ödipuskomplexes entstehenden Strebungen der Vater- und Mutteridentifizierung, die als positiver und negativer Ödipuskomplex definiert sind, also die gleichgeschlechtliche und gegengeschlechtliche libidinöse Hinwendung des Kindes zu seinen Eltern, A.M.]. Diese Ich-Veränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich entgegen“ (Freud 1923, S. 262).[3] Das Über-Ich und das Es zeigen die Übereinstimmung, dass ihr Einflußbereich aus der Vergangenheit stammt, wobei das Es den ererbten Teil, dass Über-Ich hingegen den von anderen übernommenen Teil repräsentiert. Das Ich weicht davon ab, indem es hauptsächlich durch das selbst Erlebte und Aktuelle bestimmt wird (Vgl. Freud 1938, S. 11).

Aus den Darstellungen ist zu entnehmen, dass die Instanzen keineswegs unabhängig voneinander sind, sondern vielmehr in engstem Verhältnis zueinander stehen, da wesentlich voneinander abstammen. So kann im Ichideal ein Erbe des Ödipuskomplexes erkannt werden, das „somit Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten Libido­schicksale des Es“ ist (Freud 1923, S. 264). Und ein weiteres wesentliches Prinzip wird von den verschiedenen Instanzen vertreten: Während das Ich ein Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, „tritt ihm das Über-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Konflikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, widerspiegeln“ (Freud 1923, S. 264). Gegen eine zu große Entfernung der Instanzen spricht zudem Freuds Einwand, dass die vom Ich erworbenen Erlebnisse bei zukünftigen Generationen verloren gehen könnten. Wenn sie sich nur häufig und stark genug bei aufeinanderfolgenden Individuen wiederholten, setzten sie sich quasi in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung festgehalten werden. Hieraus folgt für Freud die Existenz sehr vieler Ich-Existenzen im Es, so dass hieraus auch eine Wiederauferstehung verschiedener Ichgestaltungen im Über-Ich erfolgt, wenn letzteres durch das Ich aus dem Es hervorgebracht wird (Vgl. Freud 1923, S. 267). Die Beziehung der verschiedenen Instanzen zueinander läßt sich nach den vorangegangenen Ausführungen als einerseits voneinander abhängig, andererseits aber auch als einander Antagonistisch darstellen. Das Es ist auf das Ich angewiesen, von ihm abhängig, da es „kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt“ (Freud 1923, S. 267). Ebenso findet sich die Abhängigkeit des Ichs gegenüber dem Über-Ich, wie Freud ihn in ‚Das Ich und das Es‘ darstellt. Diese Eindeutigkeit der Verhältnisse wird jedoch von ihm selber durch folgende Aussage wieder in Frage gestellt: „Das Ich beherrscht den Zugang zum Bewußtsein wie den Übergang zur Handlung gegen die Außenwelt; in der Verdrängung betätigt es seine Macht nach beiden Richtungen....Da ist es am Platze, sich zu fragen, wie diese Anerkennung der Mächtigkeit des Ichs mit der Beschreibung zusammenkommt, die wir in der Studie „Das Ich und das Es“ von der Stellung desselben entworfen haben. Wir haben dort die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie vom Über-Ich geschildert, seine Ohnmacht und Angstbereitschaft gegen beide, seine mühsam aufrechterhaltene Überheblichkeit entlarvt“ (Freud 1926, S. 122f). Aus diesem Zitat Freuds läßt sich erahnen, dass er die Verhaltensdeterminanten des Ichs bereits neben den Trieben vollständig anerkannte – die bedeutende Position des Ich also in sein triebtheoretisches Konzept zu integrieren suchte, was dann im Anschluß von Hartmann aufgegriffen und weitergeführt wurde.

 

3. Verschiedene Modelle Freuds

 

Es ist nicht ganz einfach, Freuds theoretisches Konzept, das sich natürlich auch auf die Interpretation der Motivation auswirkt, einheitlich zu definieren. Es scheint daher sinnvoll eine kurze Übersicht über seine verschiedenen Modelle zu geben, um hieraus eine Interpretation der Motivation abzuleiten (Vgl. Rapaport 1961, S. 24ff).

1. Das topographische Modell: Dieses Modell repräsentiert (ähnlich wie bei den Reiz-Reaktions-Theorien) die Tendenz des Organismus, auf Reizung zu reagieren. Hierbei gibt es jedoch bestimmte Spezifikationen: 1. Diese Tendenz wird als eine Richtung psychologischer Vorgänge betrachtet, 2. Der Organismus kann hierauf mit Erregung oder Regression reagieren, 3. Idealerweise beginnt die Erregung mit einer sensorischen Reizung, durchläuft die Systeme unbewußt, vorbewußt und bewußt und endet mit motorischer Abfuhr, 4. nicht jede Erregung durchläuft aber zwangsläufig alle Systeme oder wird durch sensorische Reize ausgelöst.

2. Das Entropie (ökonomische) Modell: Dieses Modell setzt das Verhalten in einen kausalen Zusammenhang zu Spannungsverminderungsvorgängen[4] und kann daher als Grundmodell allen motivierten Verhaltens angesehen werden. Es dient als Grundlage für die Begriffe des Lustprinzips und der Wunscherfüllung im besonderen, und für den ökonomischen Gesichtspunkt, das es subsumiert, im allgemeinen.

3. Das Darwinistische (oder genetische) Modell: Dies Modell geht von der Annahme aus, daß der Verlauf der Ontogenese angeborenen Gesetzen folgt. Hieraus entwickelte Freud seine Annahmen für die Systematisierung der anamnestischen Angaben seiner Patienten. Darüber hinaus wurde es zur Grundlage des genetischen Gesichtspunkts und für die Theorie der psychosexuellen (Libido-) Entwicklung (u. a. Konzepte der Fixierung und der Regression). Dieses Modell ist der Ausgangspunkt für wesentliche Grundannahmen der psychoanalytischen Theorie, aus der sich auch wesentlich Gesichtspunkte für die psychoanalytische Motivationsinterpretation ergeben (z.B. die Annahme von a priori angeborenen Gegebenheiten anstatt von früh erlernten Verhaltensweisen).

4. Das Jacksonsche (oder neurale Integrationshierarchie) Modell: Das Modell geht davon aus, dass das Nervensystem aus einer Hierarchie von Integrationen besteht, in der die übergeordneten die untergeordneten hemmen oder steuern und eine Schädigung oder Hemmung der übergeordneten Hierarchien die Funk­tionen der untergeordneten wieder zum Einsatz bringen. Insofern rückt dieses Modell den dynamischen Gesichtspunkt in Freuds Theorie in den Mittelpunkt. Dies stellt sich z.B. an seiner (vormals) hierarchischen Anordnung der Systeme unbewußt, vorbewußt, bewußt dar, so dass hieraus die Möglichkeit entsteht, Verhaltensweisen, die mit bewußter Kontrolle einhergehen, mit solchen zu koordinieren, die unbewußt ablaufen.[5]

 

4. Das Triebkonzept

 

Freud definiert den Trieb als einen psychischen Begriff und nicht als durch somatische Vorgänge hervorgerufen; so hat er seinen Ursprung also nicht außerhalb des Organismus, sondern intrapsychisch. Er definiert ihn in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ folgendermaßen: „Unter einem Trieb können wir zunächst nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unterschied vom Reiz, der durch vereinzelte und von außen kommende Erregungen hergestellt wird.“ Weiterhin betrachtet er sie als „Maße von Arbeitsanforderungen für das Seelenleben“, wobei die Quelle des Triebes ein erregender Vorgang in einem Organ sei und das nächste Ziel in der Aufhebung dieses Organreizes bestehe (Freud 1905, S. 67).

Bei dieser Definition wird der Trieb als „psychische Repräsentanz“ bezeichnet, was zweierlei Dimensionen annehmen kann: Zum einen können diese Repräsentanzen durch Vorstellungen, zum anderen aber auch durch ihren affektiven Ausdruck repräsentiert werden. Letzteres beinhaltet eine Lust-Unlust-Dimension, der durch verschiedene Arten begegnet werden kann (z.B. durch Unterdrückung, durch eine qualitativ gefärbte Veränderung oder auch durch eine Umwandlung in Angst). Da er ihren Ursprungsort im Innern definiert, ergibt sich daraus für ihn, dass der Antrieb nicht durch äußere Reize erfolgt (diesen könnte man entfliehen, aus dem Wege gehen), sondern von innen – die innersomatischen Triebe sind somit für unser Handeln verantwortlich. Neben dem Drang (auf die Sexualität bezogen ist dies die Libido), dem Objekt (also das jeweilige Mittel zur Triebentladung) und der Quelle des Triebes, ist für uns das Ziel von besonderer Bedeutung. Das Ziel des Triebs liegt in der Abfuhr der Triebenergie, die „als Befriedigung bezeichnet [wird], wenn sie in Form einer Handlung erfolgt, und  als Wunscherfüllung, wenn sie die Form von Phantasien, Träumen, Halluzinationen usw. annimmt“ (Mitscherlich 1965, S. 777). Der Trieb stellt nach Freuds Einschätzung die Ursache jeder Aktivität dar, denn „..aus jedem Zustand, den ein Wesen erreicht hat, geht ein Bestreben hervor, diesen Zustand wieder herzustellen, sobald er verlassen worden ist“ (Freud 1938, S. 11). Der beschriebene Charakter der Triebe verweist nun direkt auf die Entwicklung eines Prinzips, durch das die Aktivitäten des Menschen geleitet und aktiviert werden – nämlich das Lustprinzip.

 

5. Das Lustprinzip und das Realitätsprinzip

5.1 Die primäre und sekundäre Arbeitsweise des psychischen Apparates

 

Freud ist sich durchaus der Schwierigkeit bewußt, die von ihm postulierte Lust- und Unlustempfindungen zu erklären, so dass er dieses Gebiet als das dunkelste und unzugänglichste Gebiet einschätzt und sich entschließt „...Lust und Unlust mit der Quantität der im Seelenleben vorhandenen - und nicht irgendwie gebundenen - Erregung in Beziehung zu bringen, solcher Art, daß Unlust einer Steigerung, Lust einer Verringerung dieser Quantität entspricht“ (Vgl. Freud 1920, S. 4). Als ein Indiz, an die Herrschaft des Lustprinzips zu glauben, erkennt er das bestreben des seelischen Apparates, die in ihm vorhandene Quantität an Erregung möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu halten. Im Sinne einer Verhaltensreihe läßt sich das Lustprinzip auch folgendermaßen darstellen: Trieb, der den Schwellenwert erreicht, Triebaktion am triebbesetzten Objekt und Triebbefriedigung (Vgl. Rapaport 1961, S. 28).

Beim Lustprinzip handelt es sich um das sogenannte primäre Modell. Rapaport hat seine Analyse des primären Modells in drei Kategorien unterteilt: in das primäre Modell des Handelns, der Vorstellung (Denkens) und der Affekte.

Das primäre Modell des Handelns: „Es ist ein primäres Modell, da es nur Aktionen darstellt, die durch Primärtriebe motiviert sind, und bei denen das Dazwischentreten psychischer Strukturen und abgeleiteter Triebe, das für die überwiegende Mehrzahl beobachteter Aktionen charakteristisch ist, ausbleibt.“ (Rapaport 1961, S. 28) Was geschieht nun aber, wenn die Primärtriebe nicht zeitnah in Aktion und Verhalten umgesetzt werden können, weil ein entsprechendes Triebobjekt nicht vorhanden ist?

Parallel zum primären Modell der Aktion entwickelt Freud in „Die Traumdeutung“ gleichermaßen Modelle des Denkprozesses und des Affekts. Wenn das Triebobjekt nicht erreichbar ist und daher die Triebaktion nicht durchgeführt werden kann, findet ein Kurzschluß zu halluzinatorischer Befriedigung statt: „Die Triebbesetzung wird auf die Erinnerungsspuren früherer Befriedigungen verschoben und verleiht diesen halluzinatorischen Intensität. Der in diesem Modell enthaltene Kurzschlußvorgang und der Richtungsverlauf sind der Inhalt des Freudschen Wunscherfüllungsbegriffs.“ (Rapaport 1961, S. 28) Bei diesem Modell erscheint ein erweiterter Lustbegriff, der so auch für Denkphänomene eingesetzt wird. Damit ermöglicht dies Modell Phänomene wie Träume, Halluzinationen, Illusionen und Träumereien in das Konzept des motivierten Verhaltens einzubeziehen.

Ein weiteres Modell (das primäre Modell des Affekts) ergibt sich aus der Notwendigkeit, dass bei Abwesenheit des Triebobjektes eine Notentladung durch Affektabfuhrkanäle stattfinden kann. Diese Kanäle der motorischen Abfuhr bestehen aus „ins Innere des Körpers gesandte Innervationen (Mimik, Affektäußerungen)“ (Freud 1911, S. 233).[6] Die aus diesen Modellen resultierenden Verhaltensweisen kommen durch eine Interaktion zwischen Organismus und Umwelt zustande, „wobei nach der psychoanalytischen Auffassung das biologische Bedürfnis psychologisch durch den Trieb, die Umwelt durch das Triebobjekt in der Wahrnehmung repräsentiert ist. Das resultierende Verhalten ist motiviertes Verhalten, hervorgerufen durch intrapsychische Kräfte in Bezogenheit auf Außenobjekte zum Vollzug einer Befriedigung.“ (Mitscherlich 1965, S. 779f)

Den primären stehen sogenannte sekundäre Modelle gegenüber.

Das sekundäre Modell des Handelns: Durch Abwesenheit der Triebobjekte erhöht sich, durch Gegenbesetzungen, ihre Abfuhrschwelle. Diese Abwehr- oder Kontrollstrukturen stehen nun ihrerseits in einem Konflikt zu den primären Motiven. Die sich hieraus entwickelnde Hemmung setzt wiederum neue motivierende Kräfte frei. Das wesentliche der Strukturen besteht in ihrer Aufschubfunktion und der Einleitung von Umwegs- und Instrumentalhandlungen, so dass hierdurch andere Bedingungen der Triebbefriedigung gesucht werden (Vgl. Mitscherlich 1965, S.788).

Das sekundäre Modell der Denkprozesse: Konnte nach dem primären Modell in Abwesenheit des Triebobjektes noch eine halluzinatorische Wunscherfüllung stattfinden, mündet unter der Strukturbedingung des sekundären Modells der Aufschub in geordnete Denkvorgänge, der dem Realitätsprinzip unterworfen ist. Hier stellen Trieb- und Denkvorstellungen keine verschiedenen Klassen dar, sondern lediglich unterschiedliche Aspekte des Denkens, wobei letztere in einer hierarchischen Gliederung über den Triebvorstellungen stehen und diese kontrollieren (Vgl. Mitscherlich 1965, S. 788f).

Das sekundäre Modell des Affekts: Parallel der Entwicklung einer hierarchischen Ebene von Motiven und Strukturen bildet sich auch eine „strukturelle Abspaltung der Affektentladungen von den Triebbesetzungen“ ((Mitscherlich 1965, S. 789), woraus sich die Möglichkeit verschiedener Wege der Affektabfuhr ergibt, die ihrerseits der Kontrolle des Ich anheimfallen. Aus den verschiedenen Abfuhrkanälen des primären Modells verwandeln sich die Affekte „unter den Strukturbedingungen in Signale und vorwegnehmende Mittel zur Verhinderung von Triebentladungen.“ ((Mitscherlich 1965, S. 789) Hieraus können sich wiederum motivierende Kräfte entwickeln.

 

5.2 Das Lustprinzip und die Entstehung des Realitätsprinzip

 

Wie verhält es sich jedoch im Einzelnen mit der Beziehung der eben vorgestellten Modelle? Freud erläutert in seiner Schrift „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“ sehr detailliert die Ablösung des Lustprinzips (das im wesentlichen mit dem primären Modell identisch ist) durch das Realitätsprinzip. Im folgenden möchte ich auf diese Genese des Realitätsprinzips näher eingehen, da diese für die psychoanalytische Interpretation der Motivation von grundlegender Bedeutung ist, ja, sich aus dieser ableitet.

Ausgehend von einer Betrachtung der Neurose, die die Tendenz habe, „den kranken aus dem realen Leben herauszudrängen“ gelangt Freud zu der Einsicht, dass durch die Einführung von Verdrängungsprozessen ein besseres Verständnis der Neurose möglich ist und zwar dergestalt, dass der Neurotiker sich (aktiv) von der Wirklichkeit abwendet, „weil er sie...unerträglich findet.“ (Freud 1911, S. 231) Hieraus leitet er die grundsätzliche Bedeutung ab, die Beziehung des Menschen zur Realität näher zu untersuchen. Ihren Ausgangspunkt nimmt diese Untersuchung bei den unbewußten seelischen Vorgängen, die er für ältere, primäre Überreste aus einer Entwicklungsphase hält, in welchen diese die einzigen seelischen Vorgängen waren und welche zugleich dem Lustprinzip gehorchten (also Lust erzeugten). Dieser anfängliche psychische Ruhezustand wurde nun durch Bedürfnisse gestört, was dazu führte, dass das Gedachte oder Gewünschte einfach halluzinatorisch vorgestellt wurde, wie es heute noch allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht; ein Prinzip, das erst durch das Ausbleiben der gewünschten Befriedigung aufgegeben wurde. Statt dessen entschloß sich der psychische Apparat, die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben, womit ein neues Prinzip entstanden war: von nun an wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern was real war, auch wenn damit unangenehme Vorstellungen verbunden waren – das Realitätsprinzip war geboren.

Die Anerkennung des Realitätsprinzip zieht nun einige entscheidende Anpassungsvorgänge des psychischen Apparats nach sich:

Mit der Entwicklung des Realitätsprinzips wurden einige Adaptierungen des psychischen Apparats notwendig. So wuchs durch die erhöhte Bedeutung der äußeren Realität nun auch die Bedeutung der Wahrnehmung dieser Realität, mithin also die Bedeutung der Sinnesorgane und damit auch die Bedeutung der hiermit zusammenhängenden Sinnesqualitäten, die durch das Bewußtsein gesteuert wurden. Mit der Einführung des neuen Prinzips wurde eine Funktion eingerichtet, die die Daten aus der Umgebung periodisch ermittelte – die Aufmerksamkeit. Mit ihr einher schritt die Entwicklung des Gedächtnisses, in dem die Ergebnisse dieser periodischen Daten eingelagert wurden. Mit der Ablösung des Lustprinzips, das auf unlusterzeugende Vorstellungen mit Verdrängung reagierte, durch das Realitätsprinzip, wurde die Verdrängung durch die Urteilsfähigkeit ersetzt. Diese ersetzte das Prinzip der Verdrängung durch die Prüfung, ob die Vorstellungen mit der Realität in Einklang zu bringen sind, indem die Wahrnehmungen mit den Gedächtnisspuren verglichen wurden. Die Energie der motorischen Abfuhr wurde nun nicht mehr als direkte Entlastung des psychischen Apparats „vergeudet“, sondern von nun an „zur zweckmäßigen Veränderung der Realität verwendet“ (Freud 1911, S. 233) und in Handlungen umgesetzt. Zugleich wurde die Aufhaltung der motorischen Abfuhr (also die Steuerung des Handelns) durch den Denkprozeß (der sich aus der Vorstellung herausbildete) besorgt, der mit Vermögen ausgestattet wurde, die es ihm ermöglichte, erhöhte Reizspannungen zu ertragen. Dies kann nach Freud als eine Art Probehandeln interpretiert werden, was durch die freie Verschiebung kleinerer Mengen von Besetzungsenergien ermöglicht wurde.

Ein Bereich der Denktätigkeit bleibt jedoch von der Realitätsprüfung ausgeschlossen und verblieb damit unter der Steuerung des Lustprinzips – das sind Phantasien und Tagträume (erstere manifestieren sich deutlich im Spiel der Kinder).

Der geschilderte Übergang vollzieht sich jedoch nicht auf einmal oder vollständig. Während dieser Entwicklung spalten sich die Sexualtriebe ab und verbleiben damit weit länger unter der Herrschaft des Lustprinzip. Dies erklärt Freud durch zweierlei Mechanismen:

a) Da die Sexualtriebe zunächst autoerotisch sind, gelangen sie daher nicht in die Situation der Versagung, welche die Einsetzung des Realitäts­prinzips erzwungen hat.
b) Während der Objektfindung erfährt der Sexualtrieb eine Unterbrechung durch die Latenzzeit.

Es ist daher eine sehr enge Beziehung zwischen dem Sexualtrieb und den Phantasien einerseits und zwischen den Ich-Trieben und der Bewußtseinstätigkeit andererseits nachweisbar. Eine Schwachstelle der psychischen Organisation sieht Freud in der Möglichkeit der Autoerotik, durch die die leichtere und momentane phantastische Befriedigung am Sexualobjekt lange Zeit an Stelle der realen gesetzt werden kann, wodurch bereits rationell gewordene Denkvorgänge wieder unter die Herrschaft des Lustprinzips fallen.

Freud sieht jedoch in dieser Entwicklung keine vollständige Überwindung des Lustprinzips, da mit der Aufgabe der Lust lediglich die Sicherung einer späteren angestrebt wird. Dies läßt sich in der Religion (der Lustverzicht hier wird durch eine Lustgewinnung im Jenseits entlohnt), aber auch in der Wissenschaft, bei der durch Arbeit ein praktischer Lustgewinn nachzuweisen ist. Die Erziehung kann als Anregung zur Überwindung des Lustprinzips angesehen werden, die mit positiven Sanktionen (durch den Erzieher) in Form von Liebe versucht, das Realitätsprinzip einzuführen. Ein eher versöhnendes Gebiet zwischen beiden Prinzipien stellt die Kunst dar. Der Künstler ist zunächst ein Mensch, der sich von der Realität abwendet, weil er sich mit dem von ihr zunächst geforderten Verzicht auf Triebbefriedigung nicht anfreunden kann und seine erotischen und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren läßt. Er findet jedoch zurück zur Realität, weil er seine Phantasien zu einer neuen Art von Wirklichkeit gestaltet, die andere Menschen als Beschreibung der Realität anerkennen.

Für Freud gewinnt die Entwicklung dieses Realitätsprinzips, wie am Anfang des Abschnittes bereits angedeutet, für seine Neurosentheorie eine besondere Bedeutung. Der noch dem Lustprinzip unterworfene Sexualtrieb wandelt sich nun in verschiedenen Phasen vom Autoerotismus zur Objektliebe, die im Dienste der Fortpflanzung steht. Hierbei kann jede Stufe zur Disposition für spätere Neurosen werden, wodurch es möglich ist, die Form der späteren Erkrankung in Abhängigkeit von einer für diese zeitlich typischen Entwicklungshemmung der Ich- und Libidoentwicklung zu sehen  - „...der zeitliche Charakter, deren mögliche Verschiebung gegeneinander, kommen so zu unvermuteter Bedeutung.“ (Freud 1911, S. 237)

Ich möchte nun konkret auf einige Entwicklungsschritte hinweisen, die für das Verständnis der Motivation von besonderer Bedeutung ist oder die selber einen motivationalen Charakter enthalten:

1. Wie geschildert, wird mit der Einführung des Realitätsprinzip die Energie, die zuvor der motorischen Abfuhr zur Verfügung stand, zur gezielten Veränderung der Realität genutzt, um hierdurch die angestrebte Befriedigung zu erreichen.

2. Durch die Entwicklung des Denkprozesses, entwickelte sich die Fähigkeit, erhöhte Reizspannungen zu ertragen. Mit diesem Prinzip ist zugleich ein wesentlicher Faktor benannt, der die Triebspannung allgemein „beherrschbarer“ macht. Es ist dadurch möglich, durch Aufschiebung von Triebspannung motivationale Kräfte gezielter einzusetzen und damit effektiver zu nutzen.
3. Zudem kann der Denkprozeß als eine Art Probehandeln verstanden werden, bei dem die Möglichkeit einer geringen Triebabfuhr gegeben war. Dies wiederum sorgt für eine erhöhte Frustrationstoleranz (die ein Kennzeichen für ein ausreichend gut entwickeltes Ich darstellt). Auch hieraus sind verbesserte Möglichkeiten abzuleiten, die verfügbare (Triebe-)Energie effektiver zu nutzen und gezielt (befriedigend) einzusetzen. Diese Fähigkeit hat insbesondere für den Arbeitsprozeß eine große Bedeutung, da mit dieser Methode überhaupt erst die Möglichkeit geschaffen ist, auf bestimmte Ziele hinzuarbeiten (dies im Sinne der Definition von Schmale, demzufolge Motivation „die Mobilisierung von Energien und ihre Ausrichtung auf ein Ziel“ darstellt) (Schmale 1995, S. 225f).[7]

4. Einen ebenfalls bedeutsamen Faktor stellt die Fähigkeit dar, Gedanken und Vorstellungen an Worte zu binden. Hierdurch ist es (dem Kind) nun möglich, die Gedanken in eine andere, für das Bewußtsein wahrnehmbare Qualität zu überführen. Realität wird dadurch faßbar, abstrahierbar und (besser) erfahrbar.

 

6. Das Motivationskonzept der Psychoanalyse

 

Wesentlich für das Freudsche Motivationskonzept ist der Begriff der Homöostase, der darauf hinweist, dass die vorhandenen Energien des psychischen Apparats danach streben, in einen Gleichgewichtszustand zu gelangen. Nach Freud ist jede psychische Energie auf eine Triebenergie zurückzuführen (zu Beginn postulierte Freud dafür die Libidoenergie, während er später einen zweiten, destruktiven Triebfaktor identifizierte). Eine psychische Störung ist nach seiner Auffassung nun direkt auf ein Ungleichgewicht des Organismus und damit einer Störung des möglichen Ausgleichs (der möglichen Homöostase) zurückzuführen. In diesem Zusammenhang und in Bezug auf Motivation erhält nun ein anderer Begriff eine besonderer Bedeutung, die Sublimierung. Wie dargestellt, lebt das Kind anfänglich im Bereich direkter Triebbefriedigung nach dem Lustprinzip. Durch die Erfahrung realer Bedingungen (u.a. der Erfahrung der Abhängigkeit) und die Konkretisierung durch kulturelle Gegebenheiten und Anforderungen, wird das Kind sich dem Realitätsprinzip unterordnen. Wichtig ist hierbei „die (erlernte) Fähigkeit des Menschen, die Befriedigung eines Bedürfnisses aufzuschieben“, was „es dem Menschen ermöglicht, die Triebenergie auf die Errei­chung anderer Ziele »umzuleiten«“ - nach Freud: die Möglichkeit der Sublimation (Schmale, 1995, S. 29).[8] Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass die Befriedigung durchaus nicht die Eigenschaft hat, Motivation zu erzeugen. Motivierend wirkt der Weg/die Suche nach Befriedigung, der Wunsch das unausgeglichene System in einen Zustand des Ausgleichs zu überführen. Ist dieses angestrebte Ziel erreicht, wird der motivierende Drang beendet und durch die Suche nach einem anderen Ziel ersetzt.

Die Verschiebung erhält noch eine weitere wesentliche Aufgabe. Wie bereits angedeutet, ist der Künstler ein Mensch, der sich von der Realität abwendet, da er dem von dieser (bzw. von der Gesellschaft) geforderten Verzicht auf Triebbefriedigung nicht entsprechen will. Statt dessen verschiebt er die Energie in eine Form (in eine Handlung), die von anderen Menschen als Beschreibung der Realität anerkannt wird. Eine ähnliche Funktion wird in der Arbeit sichtbar; die Arbeit stellt demnach eine notwendige Bedingung dar, um über den Weg der Triebverschiebung zur Bildung des Ich zu gelangen, was als das Oberziel seiner Motive betrachtet werden kann (Vgl. Schmale 1995, S. 226). In diesem Zusammenhang ist auf die Bedeutung der Identifikation des Handelnden mit seiner Handlung, im Sinne der Errichtung eines Sinnzusammenhanges hinzuweisen. Damit das Ich die Möglichkeit erhält die ursprünglich auf ein anderes Ziel gerichtete Triebenergie sublimativ auf ein anderes, vom Ich gewolltes Ziel zu lenken, ist die Identifikation, die Konstruktion von Sinn erforderlich. Hier wird der wesentliche Unterschied der Motivation zum Instinkt deutlich: „Das Leistungsmotiv...ist kein ange­borenes Verhaltensmuster, sondern die Einschreibung in eine durch die Leistungsgesellschaft bestimmte »symbolische Ord­nung« im Sinne der strukturalistischen Theorie.“ Insofern entspringen die individuellen Motivstrukturen grundsätzlich gesellschaftlichen Vorgaben und werden „im Rahmen vorgegebener kultureller Angebote durch Soziali­sation übernommen.“ (Schmale 1995, S. 227)

Die bisherigen Ausführungen haben immer wieder die besondere Bedeutung der (durch die elterliche Erziehung vermittelten) Gesellschaft verdeutlicht. Ich habe bereits auf den Unterschied zwischen dem Ich, als einem Repräsentant der Realität und der Außenwelt, und dem Über-Ich als einem Anwalt gegenüber den Triebansprüchen hingewiesen. In dieser Funktion ist das Über-Ich die psychische Instanz, die entscheidend für die Ausbildung der Fähigkeit des Lustaufschubs verantwortlich ist. Dies wird dem Kind bereits in sehr frühen Erfahrungen verdeutlicht, sei es symbolisch (z.B. durch vorleben), oder auch durch direkte Anweisungen in der Erziehung. In diesem systematischen Aufbau der kontrollierenden Instanz seit der Kindheit, in der die Kontrolle der kindlich-affektiven Verhaltensweisen einen bedeutenden Stellenwert einnehmen, ist der Ursprung der Fähigkeit des Menschen zu entdecken, mit Wünschen und Bedürfnissen kontrolliert umzugehen. In diesem Zusammenhang erhält auch die Rolle der Religion einen interessanten Beitrag: Insofern, als dass sich mit der Herausbildung des psychoanalytischen Konzepts ein bedeutender Wandel vollzogen hat. War es vor Freud ausschließlich der Kirche vorbehalten, die Entstehung der Erde, des Menschen und mit diesem die Erklärung seiner Handlungen und Entwicklungen zu definieren, so war es nun möglich, die Herausbildung des Menschseins zum einen durch interne Triebstrukturen, zum anderen aber auch durch gesellschaftliche und kulturelle Phänomene zu beschreiben – insofern ist das psychoanalytische Modell durchaus als eine Kulturtheorie zu verstehen.

 

7. Schlußbetrachtung

 

Motivation wurde zu Beginn der Arbeit als nicht angeborenes Verhalten, sondern vielmehr als durch die Gesellschaft vermittelte symbolische Ordnung bestimmt. Die Psychoanalyse kann insofern zu einem Erkenntnisgewinn in der Motivationsforschung beitragen, dass sie uns ein theoretisches Modell für die Bereitstellung der für die Motivation notwendigen Energie liefert. Diese Energie wurde hier als Triebenergie definiert, wobei der Antriebscharakter sich durch Grundspannungen innerhalb des Organismus ergibt, die nach Entlastung streben.

Der Grundlage dieser Motivationsentwicklung läßt sich, wie von Freud dargestellt, bereits in der Kindheit finden, in der der kindliche Organismus zur Bedürfnisbefriedigung das Lustprinzip aufgibt und sich dem Realitätsprinzip unterwirft. Diese Abwendung vom Lustprinzip ist, wie gezeigt wurde, mit einigen wesentlichen Adaptierungen verbunden, in dessen Verlauf die Fähigkeit des Denkens eine wesentliche Steuerungsfunktion übernimmt und womit zugleich eine unumgängliche Voraussetzung für die Möglichkeit der Steuerung von Triebenergien (i.S. des Triebaufschubs und der Sublimierung) geschaffen ist.

Ein anderes wesentliches Element des Motivationsgedankens im Sinne der eingangs definierten Art, ist seine Ich-konstituierende Funktion, wie sie etwa in der Arbeit deutlich wird. Die Arbeit, definiert als Triebverschiebung, ist für Freud eine notwendige Bedingung für die Entwicklung des Ich: „Mit dem Erlebnis der persönlichen Anerkennung durch die Arbeit auf der Grundlage internalisierter (vom Indivi­duum übernommener und nach Freudscher Terminologie in der psychischen Instanz des Über-Ichs sich niederschlagender) gesellschaftlicher Werthierarchien führt die in der Arbeit erlang­te Triebverschiebung zur Ich-Bildung.“ (Schmale 1995, S. 29f) Die in diesem Zitat angedeutete Möglichkeit der „Anerkennung“ durch Arbeit umfaßt jedoch nie, und dies mag eine beruhigende Erkenntnis beinhalten, die Möglichkeit des Glücksfindung in der Arbeit oder Glückserreichung durch die Arbeit. Würde dieses Glück in der Arbeit je gefunden, würde sich der so erreichte Zustand als öde und leer erweisen und der Mensch würde von neuem den Drang verspüren, der noch unbekannten Seite seines Lebens oder seiner Arbeit auf die Spur zu kommen.

 

 

 

Literaturhinweise

 

Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). Bd. GW V.  S. 1-119.

Freud, Sigmund: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens (1911). Bd. GW VIII. S.230-238.

Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips (1920). Gesammelte Werke, Bd. XIII. S. 3-69.

Freud, Sigmund: Das Ich und das Es (1923). Gesammelte Werke Bd. XIII. S. 237-289.

Freud, Sigmund: Hemmung, Symptom und Angst (1926). Bd. GW XIV. S. 111-205.

Freud, Sigmund: Abriss der Psychoanalyse (1938). In: ders.: Abriss der Psychoanalyse, das Unbehagen in der Kultur. S. 9-59.

Mitscherlich, Alexander/ Vogel, Horst: Psychoanalytische Motivationstheorie. In: Gottschaldt, K./ Sander, F./ Lersch, Ph./ Thomae, H.: Handbuch der Psychologie. Bd. 2. Göttingen, 1965. S. 759-793.

Rapaport, David: Die Struktur der psychoanalytischen Theorie. Versuch einer Systematik. Stuttgart 1961.

Schmale, Hugo: Psychologie der Arbeit. Stuttgart 1995.

Laplanche, J./ Pontalis, J.-B.: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt/M. 1996.

 

 

 

 

 



[1] Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Einteilung (also das strukturelle System) sich vom früheren Konzept (dem topischen System) Freuds unterscheidet. In der früheren Version entsprechen die hier dargestellten Komponenten etwa den Komponenten bewußt, vorbewußt und unbewußt. Mit dem Fortschreiten der Theorieentwicklung ist Freud jedoch davon überzeugt, dass sich diese Komponenten nicht, wie zuvor angenommen, trennen lassen (so weist er darauf hin, dass er selbst im Ich etwas gefunden hat, „was auch unbewußt ist, sich gerade so benommen wie das Verdrängte, das heißt starke Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden, und zu dessen Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit bedarf.“ (Freud 1923, S. 244)

[2]  Freud definierte den Ursprung des Ich im Es. Diese Auffassung wurde später verifiziert und statt dessen auch ein angeborener Teil des Ich angenommen: „...dass das Ich nicht dem Es entstammt, sondern beide aus der gemeinsamen undifferenzierten Matrix der ersten extrauterinen Phase der Ontogenese hervorgehen.“ (Vgl. Rapaport 1961, S. 59)

[3]  Es ist darauf hinzuweisen, dass Freud die Instanzen Über-Ich und Ichideal in dieser Schrift synonym verwendet, während sie in anderen Schriften gesonderten Instanzen zugeschrieben werden. In der Schrift ‚Zur Einführung des Narzißmuß‘ bezeichnet das Ichideal  eine relativ autonome intrapsychische Bildung, das dem Ich zur Beurteilung und als Bezugspunkt des effektiv Erreichten dient, während dieses in ‚Massenpsychologie und Ichanalyse‘ dazu dient, eine fremde Person als Ideal an die eigene Stelle gesetzt zu werden. Hingegen in ‚Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse erhält es die Bedeutung einer verbindenden Struktur zwischen den drei Strukturen ‚die Selbstbeobachtung‘, ‚das Gewissen‘ und ‚die Idealfunktion‘ (Vgl. Laplanche/ Pontalis 1996, S. 203f.).

[4] Übertragen auf das Verhalten des Säuglings bedeutet dies: Unruhe ® Saugen an der Brust ® Nachlassen der Unruhe (Vgl. Rapaport 1961, S. 25).

[5] Aus diesem Modell lassen sich auch die Systeme Ich, Es und Über-Ich ableiten.

[6] Rapaport macht deutlich, dass mit diesen Modellen die Spaltung des Seelenlebens in Handeln, Denken und Fühlen aufgehoben wird. Es sind Modelle, die ökonomische, topographische, dynamische, adaptive und strukturelle Aspekte zu integrieren versuchen.

[7] Auf diesen Gesichtspunkt wird bei Schmale hingewiesen: so sind Zeitperspektive und Zielstrukturierung von Handlungsplänen wesentliche Merkmale der Persönlichkeitsbildung. Dabei wird jedoch nicht immer eine Zielerreichung, sondern oftmals auch eine Vermeidung eines anderen Ziels angestrebt: „In einer Motivanalyse wird es daher wichtig sein, herauszufinden, ob eine bestimmte Handlung direkt intendiert ist oder ob sie nur durchgeführt wird, um eine andere zu vermeiden.“ (Schmale 1995, S. 234)

[8] Diese Möglichkeit erfordert den gezielten Umgang mit Zeitmanagement und Planung. Die zuvor nach dem Lustprinzip arbeitende Triebenergie kann mit diesem Management rational kontrolliert und gesteuert werden – ein wesentlicher Schritt zum Aufbau unserer Kultur beruht hierauf - eingeleitet durch die Herausbildung des Über-Ich.