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Wozu Geisteswissenschaften? – Philosophische Reflexion über den Sinn und Wert von Geisteswissenschaften

 

 

Von:

Alexander Miró

 

 

                                                      

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis. 2

 

1. Einleitung. 3

2. Die Positionen von Joachim Ritter und Odo Marquard. 3

2.1. Die Position Joachim Ritters. 4

2.2. Die Position Odo Marquards. 6

3. Die Kritik des Kompensationsmodells. 9

3.1. Kritik der Kompensation durch Herbert Schnädelbach. 9

3.2. Fazit der kritischen Auseinandersetzung Schnädelbachs mit den Positionen Ritters und Marquards. 13

4. Schlußbemerkung. 15

 

 

Literaturhinweise. 16

 

 

 

 


1. Einleitung

 

In Zeiten sich verknappender fianzieller Ressourcen ist es unausweichlich, daß auch (und gerade) die Geisteswissenschaften vermehrt der allgemeinen Kritik ausgesetzt sind. Als Teilbereich des akademischen Apparates, der eher weniger deutlich (dies im Gegensatz etwa zu den Naturwissenschaften) die in ihn investierten Mittel in einen Nutzen für die Gesellschaft umwandelt, gehören die Geisteswissenschaften zu jenen Disziplinen, die bei Mittelkürzungen an vorderster Front stehen. Daß dies nicht ohne Folgen für deren akademisches Selbstverständnis sein kann, ist evident. Die Folgen eines dieser Art geschwächten Selbstbewußtseins, werden in der seit langem existenten Diskussion um die Legitimationsberechtigung der Geisteswissenschaft erkennbar.

In dieser Arbeit werde ich mich mit einem Teilbereich dieser Debatte, der Kompensationsdebatte, auseinandersetzen, die Joachim Ritter angestoßen hat.[1] Als ein weiterer, offensiver Verteidiger dieses Kompensationsmodells, gilt Ode Marquard, der, wie auch Ritter  in dieser Arbeit zu Wort kommen wird. Die Umstrittenheit dieses Konzeptes wird durch Herbert Schnädelbach dokumentiert, der sich entschieden gegen das Kompensationsmodell im allgemeinen und gegen die Position von Marquard im besonderen ausspricht.

Nachdem ich erstere Positionen Vorgestellt habe, werde ich im Anschluß daran die Kritikpunkte Schnädelbachs innerhalb einer eingehenden Analyse vor dem Hintergrund diskutieren, an wen sich seine Hauptkritikpunkte richten, welchen Inhalt diese haben und ob die von ihm geübte Kritik berechtigt ist, was sie bedeutet und zu welcher Konsequenz diese Position führt.

 

2. Die Positionen von Joachim Ritter und Odo Marquard

 

Im Folgenden werde ich die Positionen Joachim Ritters und Odo Marquards vorstellen. Während Ritter als der geistige ‘Vater’ der Kompensationstheorie gilt, ist Marquard als jüngerer Verfechter dieser Theorie anzusehen. Beide gehen davon aus, daß zunehmend, aufgrund von kultureller und wissenschaftlich-technischer Entwicklung, ‘Modernisierungsschäden’ sichtbar werden, die durch die Geisteswissenschaften kompensiert werden.

 

2.1. Die Position Joachim Ritters

 

Joachim Ritter formuliert seinen Kompensationsgedanken u.a. in einem Aufsatz von 1963. Ausgehend von einer allgemein gehaltenen Wissenschafts- und Universitätsanalyse entwickelt er nach seiner allgemeinen Einschätzung über die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft, das Kompensationsmodell. Demzufolge registriert Ritter in der ‘modernen’ Wissenschaft eine Wandlung in Bezug auf ihr Verhältnis zur philosophischen Theorie. Diese sei, seit ihrer „Emanzipation aus dem Zusammenhang der philosophischen Theorie“[2], dieser gegenüber ‘autonom’ geworden. Begleitet wurden diese Autonomiebestrebungen der ‘modernen’ Wissenschaft gegenüber dem Metaphysischen, von den sich im ‘Aufwind’ befindenden Naturwissenschaften, die ein Garant für „die ‘einfache Suche nach Gesetzen’“[3] wurden. Sie avancierten damit zur Basis der Gesellschaftlichen Praxis, an denen der Mensch sich, unabhängig von allen metaphysischen Fragen, orientieren konnte.[4] An die, durch die Zuwendung zum „Göttlichen“[5] entstandene ‘Theorie’ wird eine Absage erteilt, da alles was mit ihr zusammenhängt an die Philosophie gebunden bleibt. So wird die praktische Funktion die einzige Bestimmung der Wissenschaft.

In dieses Verständnis von Wissenschaft stieß nun Humboldt, als er 1810 seine Wissenschaftsideen in der Humboldt-Universität verwirklichen wollte. Seine Vision ist die Schaffung einer Institution, in der „die von der ‘totalen Verbürgerung’ bedrohten geschichtlichen und geistigen Zusammenhänge des Menschen“ bewahrt bleiben.[6] Humboldts Antwort auf diese ‘Verbürgerung’ war der Weg in die Einsamkeit, die Abgrenzung der Wissenschaft und der Universität von allen Forderungen nach nützlicher und pragmatischer Berufsausbildung.[7]

Aus diesen Gedanken heraus entwickelt Ritter seinen Geisteswissenschaftsbegriff, die für ihn ihren Zweck alleine in sich selber trägt und daher ‘frei’ ist. Ihren (geistigen) Ursprung haben sie in dem von Aristoteles geprägten ‘Theorie’-Begriff, bei dem die Wissenschaften der Mathematik und der Physik um die sich selber genügende Philosophie erweitert werden. In der ursprünglichen Bedeutung noch vereint, entwickelt sich zunehmend eine Spannung zwischen theoretischen und praktischen Wissenschaften, da die Philosophie als Ausgangsdisziplin der theoretischen Wissenschaften sich als Wissenschaft, die vom göttlichen handelt versteht und sich somit „ihrem Grunde wie ihrer Bestimmung nach vom praktischen Leben und seinen Zwecken geschieden“ versteht. Dieser Konflikt vergrößert sich im weiteren Verlauf der Wissenschaftshistorie und führt zu den verschiedenen Funktionen, die, wie geschildert, zum einen Naturwissenschaft als auch Geisteswissenschaft in unserem ‘modernen’ Wissenschaftsverständnis wahrnehmen.

Trotzdem wendet sich Ritter entschieden dagegen, die Geisteswissenschaften aufgrund ihres ‘theoretischen’ Gegenstandsbereiches als Relikte einer vorindustriellen Welt zu bezeichnen. Bei beiden Disziplinen, bei den Geisteswissenschaften wie bei den Naturwissenschaften, läge die akademische Konstituierung im 19. Jahrhundert. Genau diese Parallelität der Entwicklungen beider Wissenschaftsdisziplinen, führt Ritter zu folgenden Überlegungen bezüglich einer Kompensationsaufgabe der Geisteswissenschaften. Ritter entdeckt gleichermaßen den Wunsch der Gesellschaft nach einer Wissenschaft, die in dieser die Substanz und die Basis ihrer Praxis sucht, als auch das Verlangen nach einer Wissenschaft, die „nicht auf die Praxis abzielt und so auch nicht aus ihren Zweckanforderungen begründet werden kann“[8], die ihre Bestimmung in der Theorie sucht. Er vermutet somit hinter den Entwicklungen der Geisteswissenschaften einen natürlichen und realen Prozeß der modernen Gesellschaft, die die in ihr vorhandene, von dieser aber sanktionierten, rechtliche, ethische und religiöse Ordnung in einen neuen Fluß bringen soll. Hegel bezeichnet den sich hierin äußernden Geist der Moderne in der sich „die bürgerliche industrielle Gesellschaft einzig auf das durch Bedürfnis und Arbeit vermittelte Naturverhältnis des Menschen gründet“ als „Entzweiung“.[9] Diese neue „Abstraktheit“ sei, so Hegel, sowohl zuständig für die Abkehr der Menschen von der eigenen Herkunftsgeschichte, sie sei aber gleichfalls Voraussetzung für seine neugewonnene, weltgeschichtliche Größe, in der der Mensch zum „Subjekt von Staat und Recht“[10] werde. In diesem „Abstrakten“ Verhältnis der modernen Gesellschaft zur Geschichte und zur eigenen Vergangenheit, erkennt Hegel die „Menschheitsgesellschaft“[11], in der der Mensch den anderen Menschen gleich wird und in der die eigene Geschichte daher zur Bedeutungslosigkeit verkommt. In der Ausbreitung dieser modernen und gleichen Kultur, wird die ebenfalls moderne, geschichtslose Gesellschaft offenbar.

Hier nun, so Ritter, sind die Geisteswissenschaften das Organ, das die Geschichtslosigkeit der Menschen kompensiert. Sie sind dafür zuständig, die Geschichtlichkeit und die Individualität des Menschen zu bewahren. Die Gesellschaft bringt also mit den Geisteswissenschaften in Zeiten der Abstraktheit selber ein Organ hervor, daß diese Geschichtslosigkeit ausgleichen kann. Sie weisen, so Ritter, den Menschen stetig auf sein nicht in der Gesellschaft begründetes Sein, auf seine Individualität hin.

 

2.2. Die Position Odo Marquards

 

Neben Ritter tritt insbesondere Odo Marquard als Verfechter des Kompensationsmodells in Erscheinung. Seine unmißverständliche Grundthese lautet: „Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften.“[12] Marquards These fußt auf dem Hinweis, daß die Behauptung, die Geisteswissenschaften würden mit zunehmendem Modernisierungsgrad zunehmend obsolet (da überholt), falsch wäre, da sie entstehungsgeschichtlich nach den Naturwissenschaften entstanden wären. Insofern greift er Ritters Gedanken auf, daß die Geisteswissenschaften nicht durch die experimentellen Wissenschaften überflüssig werden könnten, wenn sich erstere erst nach den Naturwissenschaften konstituiert haben.

Auch Marquard begreift die Entwicklung der Geisteswissenschaften als eine Antwort auf den Modernisierungstrend, der bei einem sich fortsetzenden Aufschwung der „harten Wissenschaften“ (also der Naturwissenschaften) auch in der Zukunft bestand haben werde.[13] Die Konsequenz wäre, daß sich die Geisteswissenschaften zunehmend nicht etwa in einer „grundsätzlichen Leistungskrise“[14] befinden, sondern umgekehrt, in einer Überforderungskrise: Sie halten mit dem derzeitig geforderten geisteswissenschaftlichem Leistungspotential nicht Schritt und können die Nachfrage, die sich aus dem zunehmenden Modernisierungstrend ergibt, nicht ausreichend befriedigen.

Die Geisteswissenschaften würden nun, so seine Argumentationsführung, die durch die „Modernisierung verursacht[en] lebensweltlichen[en] Verluste“ kompensieren.[15] Dies geschieht durch folgende Faktoren:

 

1) An Ritter anlehnend geht auch Marquard davon aus, daß es in der modernen Wissenschaftsauffassung vorrangig darum geht, möglichst objektive, d.h. überprüfbare wissenschaftliche Ergebnisse zu präsentieren. Dies ist aber nur dann möglich, wenn die Experimentierer austauschbar sind. Weil Menschen aber nicht einfach austauschbar seien, da sie sich durch Traditionen sprachlicher, religiöser, kultureller und familiärer Art unterschieden, werden bei Forderungen nach Objektivität die Herkunftswelt des Experimentierers mitsamt deren Tradition neutralisiert.

Aus diesem methodischen Verlust resultiert nach Marquard die Gefahr, daß auch ein realer Verlust die Folge sein könnte. Die Folge moderner Wissenschaften ist die Erschaffung neu geformter, technisch erzeugter Sachwelten, die die Herkunftswelten der Menschen ersetzen. Diese wiederum erfordern ihrerseits den austauschbaren Menschen, der sich in ihnen zurechtfindet. Das von Marquard beschriebene Abstraktionsniveau wächst in dem Maße, als der Mensch nunmehr sowohl innerhalb seines Arbeitsbereiches, als auch innerhalb seiner Lebenswelt neutralisiert und „uniformisiert“, die Herkunftswelt also vernichtet wird.[16]

2) Die Geisteswissenschaften würden dem Menschen nun helfen, die durch diese Modernisierung erlittenen Schäden zu kompensieren. Damit begreift Marquard die Geisteswissenschaften nicht modernisierungsfeindlich, sondern im Gegenteil, als modernisierungsermöglichend.

Um diese Kompensationsarbeit zu leisten, würden sie sich der „Kunst der Wiedervertrautmachung“[17] bedienen, der hermeneutischen Kunst. Marquards einfache These lautet: Die Kompensationsarbeit leisten die Geisteswissenschaften durch die interpretative Kunst des Erzählens. Indem sie (Herkunfts-) Geschichten erzälen, helfen sie dem Menschen die versachlichte Welt zu ertragen; der Mensch kann sich so seiner Tradition bewußt bleiben. Die Geisteswissenschaften erzählten hierzu vor allem dreierlei Arten von Geschichten:

a) Sensibilisierungsgeschichten: Da die moderne Welt für die Menschen eine „Entzauberung“[18] bedeutet, leisten sie mit Hilfe des Ästhetischen (der Kunst) eine Ersatzverzauberung.

b) Bewahrungsgeschichten: Die Moderne ist vor allem dadurch gekennzeichnet, daß sie dem Menschen die Vertrautheit und die Natürlichkeit nimmt. Marquard bezeichnet dies mit einer „Entgeschichtlichung der Wirklichkeit“.[19] Die Geisteswissenschaften helfen hier durch eine Sensibilisierung für Natur und Geschichte. Diese Sensibilisierung erfolgt durch den Aufbau und die Pflege von Museen und durch Bewahrung des ökologischen Verständnisses.

c) Orientierungsgeschichten: Um der Desorientierung entgegenzuwirken, die sich aufgrund von Anonymität in der Moderne zeigt, verhelfen die Geisteswissenschaften den Menschen dazu, diese Orientierung wiederzugewinnen. Orientierung wird den Menschen durch das Beleben von Traditionen (etwa der des Christentums, der des Humanismus usw.) gegeben.

Der Kritik, die Geisteswissenschaften würden durch die Eigenschaft des Geschichtenerzählens an Eindeutigkeit verlieren, begegnet er mit dem Argument, daß es ihm genau darum geht, diese Eindeutigkeit in den Geisteswissenschaften zu vermeiden - die Vieldeutigkeit gehört konstitutiv zu jenen Wissenschaften. Die Vieldeutigkeit (etwa der Geschichten, der Interpretationen) sei eine Entdeckung der Geisteswissenschaften. Sie widersetzten sich damit der einen wahren Geschichte der Naturwissenschaften und öffneten das Blickfeld für Interpretationen. Damit werden Räume geschaffen, Räume für interdisziplinäre Auseinandersetzungen - Räume für Gespräche mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen.

Marquards argumentative Verteidigung des Kompensationsgedankens stützt sich auf die Möglichkeit, mit diesem Modell eine Balance herzustellen zwischen einem sich „emphatisch“ äußernden Fortschrittsgedanken und einem dem Verfall preisgegebenen Nein zur modernen Welt - es erlaubt ein „auf nüchterne Weise kritikfähige[s]“ Ja zur modernen Welt.[20]

 

3. Die Kritik des Kompensationsmodells

 

Nachdem ich in den bisherigen Abschnitten die Argumente zweier Positionen dargestellt habe, die sich für das Kompensationsmodell aussprechen, möchte ich nun darauf eingehen, welche Kritikpunkte diesem Modell entgegengebracht werden. Ich möchte auf die Frage eingehen, welche der beiden Positionen konkret kritisiert wird, sofern sie sich voneinander unterscheiden. Dabei wird nicht zuletzt auch auf mögliche Unterschiede der dargestellten Positionen eingegangen werden.

 

3.1. Kritik der Kompensation durch Herbert Schnädelbach

 

1988 meldet sich in einem Aufsatz Herbert Schnädelbach zu Wort, in dem er auf das von Marquard skizzierte Kompensationsmodell eingeht. In diesem Aufsatz distanziert er sich von dessen Position und unterzieht das Modell einer differenzierten, sowohl politischen, wie auch theoretischen[21] Kritik.

Gleich zu Beginn formuliert Schnädelbach seine grundsätzliche Einschätzung, daß die geführte Debatte um eine Kompensationsleistung der Geisteswissenschaften bereits im Ansatz unbefriedigend ist, da sie die Geisteswissenschaften in eine Defensivposition manövrieret, ohne dabei ausreichend auf die Stärken dieser Wissenschaften hinzuweisen. Schnädelbach richtet sich dabei nicht generell gegen eine eventuelle Kompensationsleistung der Geisteswissenschaften, darauf weist er wenig später hin[22], sondern er kritisiert vor allem die ungenügende Komplexität des zugrunde gelegten Modells und die Eindimensionalität der beschriebenen Kompensation.

Schnädelbach positioniert die von Marquard verteidigte Kompensationsdebatte in die neokonservative Kulturpolitik, die wesentlich durch Kulturkonservatismus geprägt sei.[23] Demnach, so Schnädelbach, hat sich der Neokonservativismus mit den Modernisierungsentwicklungen unserer Zeit abgefunden und ist von seinem Konfrontationskurs abgewichen, da „die technisch-wissenschaftliche Modernisierung [....] als unaufhaltsam, unabschließbar, ja als ‘Schicksal’ aufgefaßt“ wird.[24] Als Ausgleich werde dem Fortschritt, für daraus entstandene Modernisierungsschäden, das Kompensationsmodell entgegengesetzt. Schnädelbach greift als Fazit ein Zitat von Jürgen Habermas auf, der in der kulturkonservativen Haltung die positive Einstellung zur Moderne, bei einer gleichzeitigen Absage an eine kulturelle Modernisierung erkennt.[25] Die Kritik richtet sich dabei gegen Marquard, der eine ‘Nichtkrisentheorie’ der Moderne fordert, die von der Fortschrittstheorie verschieden ist.[26] Marquard ist der Auffassung, daß eben durch eine solche ‘Nichtkrisentheorie’, die er im Kompensationsgedanken verwirklicht sieht, ein Ausgleich, eine Balance zu erreichen ist. Er erkennt innerhalb der ‘modernen’ Kultur die fortschreitende Tendenz zur Negation. Eingeleitet wird dieser Trend etwa durch eine „Negativierungswirkung von Übererwartungen“.[27] In diesen Phasen, so Marquard, werde der emphatische Fortschrittsgedanke durch eben solche Übererwartungen gebremst und dadurch in ein Nein zur Moderne kippen.

Durchaus richtig erscheint mir innerhalb der Argumentationsführung Schnädelbachs, daß hier ein Ausgleich geschaffen werden soll. Ob mit diesem Ausgleich jedoch gleichzeitig ein Kulturkonservativismus angestrebt oder unbeabsichtigter Weise hierin enthalten ist, scheint zumindest fraglich. Unbestreitbar kommt der traditionellen Kultur innerhalb unserer ‘modernen’ Gesellschaft eine besondere Aufgabe zu. So postuliert Marquard die historische Bildung als unverzichtbaren Bestandteil der modernen Welt.[28] Ob damit aber gleichermaßen eine Erstarrte und Unbewegliche kulturelle Entwicklung gemeint ist, kann bezweifelt werden. Die Geisteswissenschaften sollten, Marquard zufolge, nicht nur „klären, wie es eigentlich gewesen ist“, sondern sie könnten gleichermaßen eine Orientierung geben, „erwägen, wie es weitergehen könnte und sollte.“[29] Marquard daher in eine kulturkonservative Ecke zu drängen erscheint mir daher nicht ganz zutreffend, da er sich durchaus offen für eine flexible kulturelle Entwicklung zeigt.

Schnädelbachs weiterführende Kritik an Marquard betrifft dessen offensichtliche Funktionszuschreibung der Geisteswissenschaften auf eine (ausschließliche) Kompensationsaufgabe, die mit normativem Gehalt das ‘Ja’ zur technisch-wissenschaftlichen Modernisierung verkünden. Schnädelbach sieht bei einer derart geführten Diskussion die Gefahr der Instrumentalisierungsmöglichkeit. Geisteswissenschaften wären bei einer in diesem Sinne geführten Verteidigung dazu gezwungen, eine modernisierungsermöglichende Kompensation zu erfüllen, um ihre finanzielle Situation nicht weiter zu verschlechtern. Diese Argumentation, so Schnädelbach, würde darauf hinauslaufen, „das traditionelle Selbstverständnis dieser Fächergruppe [....] mit Hilfe des Kompensationstheorems normativ allgemein verbindlich zu machen.“[30]

Auch diese Kritik ist vorrangig an Marquard gerichtet, der in der Tat durch seine Grundthese, die Geisteswissenschaften würden mit zunehmendem Modernisierungsgrad zunehmend unvermeidlicher, den Eindruck erweckt, seine Funktionsbestimmung jener Wissenschaften sei ausschließlich auf deren Kompensationsleistung zu reduzieren. Diesem Eindruck widersetzt er sich aber insofern, als er bei den Geisteswissenschaften durchaus eine substanzielle Aufgabe sieht, die darin liege, daß sie das Selbstverständnis des Menschen durch Theorie fortsetzten (etwa im Ausdruck der Schönheit und der Künste usw.).[31] Er zeigt sich, auf einen solchen Funktionalisierungseinwand eingehend, durchaus offen auch für eine andere, substantielle Aufgabe der Geisteswissenschaften, deren Aufgabe er daher auch nicht innerhalb dieser Kompensationsleistung sich erschöpfen sieht.

Neben dieser politischen Argumentationskette, die Schnädelbach gegen das Kompensationsmodell richtet, kritisiert er dieses aber auch theoretisch, d.h. seine Kritik richtet sich auch gegen die Theorie der Kompensation.[32] Sein Hauptargument ist die mangelnde Komplexität des Kompensationsmodells, insbesondere des von Ritter entwickelten Modells. Seine Kritik wird nicht zuletzt auch auf dieser Ebene ein Affront gegen die „Kulturkonservativen“, da eine komplexere Kompensationstheorie, seiner Meinung nach, allenfalls diagnostisch interessant wäre, keinesfalls jedoch die Bestrebungen der Kulturkonservativen unterstützt.

Schnädelbach richtet sich dabei gegen eine „tendenziöse Vereinfachung“[33] des Modells, das realitätsfern und mit einfachen Entgegensetzungen arbeite, wie etwa der Einteilung Geisteswissenschaften vs. Naturwissenschaften. Er wendet sich hierbei gegen eine hieraus erwachsende Homogenisierung der wissenschaftlichen Vielfalt, da sich viele Disziplinen nicht in dieses Raster einordnen ließen. Im Zuge dessen würde auch die Erklärung Marquards irreführen, Geisteswissenschaften hätten die Aufgabe, dem Menschen durch das Erzählen von Geschichten eine Orientierung zu geben. Das hermeneutische Element findet sich, so Schnädelbach, in allen Wissenschaften mehr oder minder stark, so daß man auf diese Weise allenfalls ‘das Geisteswissenschaftliche’ verteidigt.[34] Aus der Perspektive Marquards trifft der zuletzt genannte Einwand der Homogenisierung auf eine ‘große’ Wissenschaft sicher zu. So ist es Marquard, der sich zwar aufs äußerste gegen die Eindeutigkeit innerhalb der hermeneutischen Geisteswissenschaften ausspricht,[35] gleichfalls aber nicht auf die Universalität solcher narrativen und hermeneutischen Methoden hinweist, die durchaus in allen wissenschaftlichen Disziplinen ihre Anwendung finden. Marquard spricht sich zwar für einen offenen Dialog der verschiedenen Disziplinen aus, versucht aber im Anschluß daran nicht etwa solche Disziplinen wie Soziologie, Psychologie oder Jurisprudenz aus den natur- oder geisteswissenschaftlichen „Schubladen“ in eine Schnädelbachsche Differenzierung zu entlassen.[36]

War die bisherige Kritik gegen den neueren Kompensationstheoretiker gerichtet, wendet sich Schnädelbach nun dem Ritterschen Modell im besonderen zu, dessen „suggestive Kraft“ er im wesentlichen auf dessen „Primitivität“ zurückführt.[37] Er sieht in dessen Theorie keine Variante des Kompensations-, sondern ausschließlich ein Komplementaritätsmodell. Demzufolge stehen sich hier zwei komplementäre Welten gegenüber, die vom technisch-wissenschaftlichen Bereich dominierte „Zivilisation“ und die von Traditionen beherrschte „Kultur“. Das Kompensationsmodell hingegen, so Schnädelbach, entsteht erst bei einer Zusammenführung beider Elemente: daß nämlich die „Kultur“, die von einem wissenschaftlich-technischem Innovationsdruck angegriffene „Zivilisation“ durch kulturelle Kompensation in eine Balance bringt. Eine Kompensationsleistung kann aber nur insofern von der Kultur gefordert und geleistet werden, wenn sie ihrerseits auf jegliche Innovation verzichtet und konservativ wird - eine kulturelle Erneuerung also von vornherein ausgeschlossen ist.

Ritter geht bei der Darstellung seines Modells durchaus von einer Entzweiung zweier Kulturen aus. Setzte sich die ursprüngliche Wissenschaft noch sowohl aus Theorie (also aus Philosophie) wie auch aus praktischen Disziplinen (Mathematik und Physik)  zusammen, so hat sich in der Moderne das Wissenschaftsverständnis dahingehend gewandelt, daß es zunehmend durch Nutzengesichtspunkte geprägt ist, denen vordergründig nur sogenannte „harte Wissenschaften“ gewachsen sind. Bei einem solchen historistischen Ansatz ist es daher nicht verwunderlich, daß Ritter sich dem Kulturkonservativismus verbunden fühlt. Die Geisteswissenschaften erhalten bei Ritter die Aufgabe, zwei Gegensätze zusammenzuführen. Auf der einen Seite steht der von der „Zivilisation“ geprägte Mensch, auf der anderen Seite steht seine Tradition. Aus beidem aber setzt sich seine Identität zusammen.

Der letzte Kritikpunkt Schnädelbachs gegen das Kompensationsmodell, richtet sich gegen ein eindimensionales Kompensationssystem. Schnädelbach ist der Meinung, daß nicht alleine der technisch-wissenschaftliche Sektor fortwährend Modernisierungsschübe und -schäden hervorbringe, sondern daß vielmehr ein vieldimensionales und höchst komplexes System von Kompensationsdynamiken existiere, die sowohl von der Kultur, als auch vom technisch-wissenschaftlichen Sektor ausgehe.[38] Kompensation sei kein Privileg der Kultur - und schon gar nicht unserer modernen Kultur - sie sei vielmehr ein „allgegenwärtiges“ Phänomen.[39]

 

3.2. Fazit der kritischen Auseinandersetzung Schnädelbachs mit den Positionen Ritters und Marquards

 

Schnädelbachs Hauptkritik richtet sich, bei näherer Betrachtung, nicht gegen die Kompensationsmodelle von Ritter und Marquard als solche, sondern gegen den Kulturkonservatismus, den er hinter diesen Modellen vermutet. Die Unentbehrlichkeit der Geisteswissenschaften steht für ihn dabei ebensowenig zur Debatte, wie er auch eine Kompensationsleistung der Geisteswissenschaften generell nicht bestreitet. Er richtet sich vielmehr gegen die Monodimensionalität der dargestellten Kompensationsdynamik, gegen die mangelnde Komplexität der hier vorgestellten Modelle und gegen die, wie er meint, falsch geführte Verteidigung der Geisteswissenschaften, die ihre substanziellen Fähigkeiten nicht ausreichend widerspiegelt.

Schnädelbachs vorrangige Kritik trifft dabei weniger Ritters historistischen Ansatz, sondern vielmehr Marquard, dem er eine „affirmative Einstellung zur gesellschaftlichen Moderne mit einer gleichzeitigen Abwertung der kulturellen Moderne“ vorwirft.[40] Er wendet sich dabei gegen Marquards offenbaren Funktionalismus, der jedoch versteckte normative Elemente enthalte, wodurch die Geisteswissenschaften verbindlich dazu gedrängt würden, die von den Kulturkonservativen geforderten Aufgaben zu erfüllen - eben eine Kompensation der Modernisierungsschäden. Während er Marquards Ansatz also in eine neokonservative Umgebung einordnet (die bei uns wesentlich durch Kulturkonservativismus geprägt sei[41]), sieht er in Ritters Ansatz allenfalls das zur Kompensationstheorie weiterentwickelte Komplementaritätsmodell, in dem sich zwei Welten gegenüberstehen, der wissenschaftlich-technische Sektor und die den Traditionen verhaftete Kultur.[42]

Die Ausgangsfrage, wen die Kritik Schnädelbachs konkret treffe, wäre demzufolge folgendermaßen zu beantworten:

1)  Die Kritik trifft die hinter Marquard vermutete Kulturkonservative Position, die sich zum einen, so Schnädelbach, positiv zur Moderne verhält, andererseits jedoch eine kulturelle Erneuerung ablehnt.

2)  Die Kritik trifft die Art der Verteidigungshaltung bei Marquard. Schnädelbach sieht bei dieser Art der Verteidigung nicht die wesentlichen und substanziellen Aufgaben der Geisteswissenschaften wiedergegeben.

3)  Schnädelbach kritisiert weiterhin sowohl bei Ritter als auch bei Marquard, daß ihr vorgestelltes Modell der Kompensation nicht die nötige Komplexität beinhaltet, um derartig komplizierte Kompensationsvorgänge unserer modernen Kultur, die Schnädelbach keineswegs generell bestreitet, zu beschreiben.

4)  Hinter Ritters Modell der Kompensation vermutet Schnädelbach vielmehr eine Fortsetzung der These der zwei Kulturen, die sich vielmehr erst durch eine Erweiterung zum Kompensationsmodell entwickelt. Nämlich dadurch, daß die in der modernen Zivilisation entstandenen Modernisierungsschäden durch die Traditionsreiche Kultur, die durch die Geisteswissenschaften lebendig erhalten wird, ausgeglichen und beseitigt werden.

 

4. Schlußbemerkung

 

Die Debatte um die Aufgabe und den Nutzen der Geisteswissenschaften wird weitergehen, unabhängig der Ergebnisse zum Kompensationsmodell. Weithin einig ist man sich jedoch, auch über Fachkreise hinaus, über den notwendigen Fortbestand jener Wissenschaftsdisziplinen. So ist man geneigt, derartig geführte Diskussionen um den Zweck derselben für bloße Makulatur zu halten. Und dennoch wird vielleicht gerade diese geisteswissenschaftlich geführte Art der Auseinandersetzung um die Geisteswissenschaften den Skeptikern einen zusätzlichen Beweis für deren Notwendigkeit geben, denn nicht zuletzt in der geistigen Auseinandersetzung mit Problemen und Nöten des Menschen liegt eine Aufgabe dieser Wissenschaftsdisziplinen.

 

 

 

 

 

Literaturhinweise

 

 

- Marquard, Odo: Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften. In: Marquard, Odo: Apologie des Zufälligen. Stuttgart 1986, Seiten 98 - 116.

 

- Marquard, Odo: Kompensation. Materialien zu einer Debatte. In: Kursbuch ´91: Wozu Geisteswissenschaften? Berlin 1988, Seiten13 - 25.

 

- Ritter, Joachim: Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft. In: Ritter, Joachim: Subjektivität. Sechs Aufsätze. Frankfurt/M. 1974, Seiten 105 - 140.

 

- Schnädelbach, Herbert: Kritik der Kompensation. In: Schnädelbach, Herbert: Zur Rehabilitierung des animal rationale. Vorträge und Abhandlungen. Frankfurt/M. 1992, Seiten 399 - 411.

 



[1] Vgl. Schnädelbach, Herbert (1988), Seite 399f.

[2] Ritter, Joachim (1974), Seite 112.

[3] Ritter, Joachim (1974), Seite 113.

[4] Ritter, Joachim (1974), Seite 114f.

[5] Ritter, Joachim (1974), Seite 112.

[6] Ritter, Joachim (1974), Seite 117.

[7] Vgl. Ritter, Joachim (1974), Seite 107.

[8] Ritter, Joachim (1974), Seite 125.

[9] Ritter, Joachim (1974), Seite 129.

[10] Ritter, Joachim (1974), Seite 130.

[11] Ritter, Joachim (1974), Seite 130.

[12]  Marquard, Ode (1986), Seite 98.

[13] Vgl. Marquard, Ode (1986), Seite 101.

[14] Marquard, Ode (1986), Seite 102.

[15] Marquard, Ode (1986), Seite 103.

[16] Vgl. Marquard, Ode (1986), Seite 104.

[17] Marquard, Ode (1986), Seite 105.

[18] Marquard beruft sich hier einer Definition von Max Weber.

[19] Marquard, Ode (1986), Seite 106.

[20] Marquard, Odo (1988), Seite 17.

[21] Als Kritik der Kompensation als solcher. Vgl. Schnädelbach Herbert (1988), Seite 404.

[22] Vgl. Schnädelbach Herbert (1988), Seite 404ff.

[23] Vgl. Schnädelbach Herbert (1988), Seite 400.

[24] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 400.

[25] Vgl. Schnädelbach Herbert (1988), Seite 400, zitiert nach: Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M. 1985.

[26] Marquard, Odo (1988), Seite 17.

[27] Marquard, Odo (1988), Seite 16.

[28] Marquard, Odo (1988), Seite 15.

[29] Marquard, Odo (1988), Seite 14.

[30] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 403.

[31] Marquard, Odo (1988), Seite 14.

[32] Vgl. Schnädelbach Herbert (1988), Seite 404.

[33] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 404.

[34] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 405.

[35] Marquard, Ode (1986), Seite 108f.

[36] Marquard, Ode (1986), Seite 110f.

[37] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 405.

[38] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 407.

[39] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 409.

[40] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 400, zitiert nach: Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M. 1985.

[41] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 400.

[42] Schnädelbach Herbert (1988), Seite 405.