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Sozialwissenschaftliche Analyse der Sozialisationstheorien von T. Parsons und G.H. Mead

 

 

Von:

Alexander Miró

 

 

 

 

Inhalt:

 

 

Inhalt: 2

 

1. Definition der Sozialisation. 3

2. Erkenntnisleitende Modelle der Sozialisationsforschung. 3

3. Theorien der Sozialisation. 4

3.1 Freuds Kultur- und Sozialisationstheorie. 5

3.2 Meads Sozialisationskonzept 6

3.3 Parsons Ansatz der strukturell-funktionalen Systemtheorie. 11

4. Schlußbetrachtung. 15

 

 

Literaturhinweise: 17

 

 

 

1. Definition der Sozialisation

 

Sozialisation kann als Prozeß der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen verstanden werden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet damit einen Prozeß, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Vorrangig thematisch ist dabei die Frage, wie der Mensch sich zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet. Eine solche Definition der Sozialisation impliziert jedoch bereits zweierlei Grundannahmen: 1. Das gesellschaftliche oder gesellschaftlich vermittelte Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung tatsächlich existieren und 2. das nur durch das Leben in der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt und durch den Prozeß der Auseinandersetzung mit dieser Umwelt ein Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt werden kann. Diese Definition verdeutlicht bereits, daß eine leistungsfähige Theorie der Sozialisation dem Doppelcharakter des Sozialisationsprozesses als Vergesellschaftung  und zugleich aber auch als Individuation des Menschen Rechnung tragen muß und sich nicht nur auf einseitige theoretische Ausgangspositionen berufen darf.

 

2. Erkenntnisleitende Modelle der Sozialisationsforschung

 

In der Sozialisationsforschung haben sich verschiedene erkenntnisleitende Modelle durchgesetzt, deren wichtigste im folgenden kurz umrissen werden sollen. Das mechanische Modell betrachtet die Umwelt als gegeben und als Ursache für das Verhalten der Personen. Die Entwicklung des Individuums wird als Resultante, als Ergebnis der Summe bestimmter Reaktionen oder auch als Anpassung an die von der Umwelt definierten Normen und Werte verstanden. Damit ist der Sozialisationsprozeß aus der Sicht dieses Modells auch nie abgeschlossen. Beim organischen Modell wird die Umwelt ebenfalls als gegeben angenommen, der Entwicklungsimpuls geht aber intern vom Organismus aus. Der Prozeß der Entwicklung folgt bestimmten qualitativen Abfolgeschritten und sequenziell angeordneten Stufen, die sich aus sich heraus entfalten, wobei die Umwelt stimulierend  und hemmend auf das Tempo der Abfolge wirken kann. Aus dieser Perspektive wird Entwicklung als ein Prozeß gedacht, der auf ein Ziel- oder Endpunkt hin verläuft. Im systemischen Modell gehen die Impulse für die Entwicklung aus der wechselseitigen Anpassung und Durchdringung von Person und Umwelt als psychisches bzw. soziales System aus. Im Prozeß der Entwicklung nimmt eine Person schrittweise die Erwartungen und Verhaltensmaßstäbe des sozialen Systems auf, bis diese zu verinnerlichten und selbstwirksamen Motivierungskräften und Zielen für das eigene Handeln werden. Es besteht also kein fixierter Ziel- oder Endpunkt der menschlichen Entwicklung, doch strebt die wechselseitige Beziehung zwischen Person und Umwelt einem Gleichgewichtszustand zu. Das interaktive Modell begreift die menschliche Entwicklung als wechselseitige Beeinflussung der sozialen und gegenständlichen Umwelt. Das Individuum befindet sich in einem produktiven Aneignungs- und Auseinandersetzungsprozeß mit er Umwelt, wodurch es die eigenen Situationen bewußt reflektieren und in die eigenen Handlungsabläufe einbeziehen kann. Das Subjekt kalkuliert während dieser Auseinandersetzung mit der Umwelt ein, daß seine Handlungen diese Umwelt verändern, was wiederum seine eigenen Handlungen verändern wird. Auch hier läuft die Entwicklung auf kein Ziel- oder Endpunkt hinaus, sondern als Kriterium gilt vielmehr der Erwerb von gesellschaftlich bestimmten sozialen und kulturellen Kompetenzen des Handelns, mit Hilfe derer eine Person in der gesellschaftlichen Umwelt autonom handlungsfähig ist und eine eigene Identität erlangt.

 

3. Theorien der Sozialisation

 

Die dargestellten Modelle bilden in der beschriebenen Zuspitzung die Kernpunkte verschiedener theoretischer und methodologischer Konzeptionen zur Erklärung des Sozialisationsprozesses. Im folgenden werde ich mich mit zweien dieser Ansätze intensiver auseinandersetzen, die nach Emil Durkheim die Sozialisationsforschung entscheidend beeinflußten. Es sind dies der systemtheoretische Ansatz von Talcott Parsons und die interaktions- und handlungstheoretische Konzeption von George Herbert Mead. Bevor ich mich explizit diesen beiden Ansätzen zuwende ist es jedoch sinnvoll, zuvor auf einen bedeutenden Vorläufer dieser beiden Ansätze einzugehen, da sich sowohl Mead als auch Parsons in ihrer Theorieentwicklung stark auf diese Theorie beziehen: es ist dies die psychoanalytische Theorie.

 

3.1 Freuds Kultur- und Sozialisationstheorie

 

In vielen Einzelarbeiten liefert Freud eine Strukturanalyse der Persönlichkeit, die das Spannungsverhältnis zwischen der inneren Natur der Motive und Triebe (also der Triebstruktur) und der gesellschaftlichen Kultur mit ihren sozialen Normen und Sanktionen betont. Die Persönlichkeitsformationen können nun als Ergebnis dieses Konflikts, genauer als die manifesten Formen seiner Bewältigung aufgefaßt werden. Freuds Theorie kann nun als Rahmen einer Sozialisationstheorie aufgefaßt werden, da hier gesellschaftliche Prozesse für die Persönlichkeitsentwicklung eine entscheidende Bedeutung erlangen. Freud selbst hat diesen Rahmen mit einer Theorie der Entstehung einer verinnerlichten Gewissensinstanz aufgrund einer spezifischen Konstellation innerfamilialer Beziehungen gefüllt, die als Kern seiner Sozialisationstheorie interpretiert werden kann. Die Entwicklung der Persönlichkeit findet aus Sicht der psychoanalytischen Theorie im Rahmen der sinnlich-unmittelbaren Beziehung eines Menschen zu emotional wichtigen anderen Menschen als Bezugspersonen statt, wobei als ein wesentlicher Impuls der menschlichen Entwicklung das einfühlende Eingehen auf einen und Ausrichten an einem anderen Menschen gesehen wird. In diesem Rahmen wird Identifizierung im Sinne der Verinnerlichung als ein Modus entdeckt, in dem der Mensch sich die soziale und dingliche Objektwelt erschließt. Das Kind identifiziert sich mit dem Vater, d.h. er setzt sich symbolisch an seine Stelle, indem er ihn als einen Teil seines Ich introjiziert. Das Ergebnis ist eine aus dem Ich auszugliedernde neue Instanz, das Über-Ich. Da das Über-Ich nach dem Vorbild des elterlichen Verhaltens entstanden ist, enthält es die diese leitenden gesellschaftlichen Traditionen, Wertvorstellungen und Normen. Im Elterneinfluß wirkt natürlich nicht nur das persönliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluß von Familie-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweiligen Milieus. Ebenso nimmt das Über-Ich im Laufe der individuellen Entwicklung Beiträge von seiten späterer Fortsetzer und Ersatzpersonen der Eltern auf, wie Erzieher, öffentlicher Vorbilder und in der Gesellschaft verehrter Ideale.

Freuds Theorie des Über-Ich entspricht in wesentlichen Zügen der Durkheimschen Theorie, insbesondere in der Annahme, daß gesellschaftliche Normen aufgrund bestimmter Mechanismen verinnerlicht werden, dabei  in Konflikt mit der konstitutionellen Natur des Menschen geraten und diese letztlich unterdrücken. Bei Freud bestehen diese miteinander in Konflikt stehenden Positionen zum einen aus dem Es, als dem Träger der triebhaften Elemente des Individuums, und dem Über-Ich, daß die durch die Eltern vermittelten Werte und Normen der Gesellschaft bereithält. Aus diesem Konflikt geht die Entwicklung des Individuums hervor. Die durch die Psychoanalyse gewonnenen Einsichten haben die Entwicklung der Sozialisationsforschung ungemein stimuliert und darüber hinaus das Vorverständnis und die Begrifflichkeit  der Sozialisitonstheorie wesentlich geprägt. Die Psychoanalyse bietet eine differenzierte Theorie der Persönlichkeit, die von vornherein als genetische konzipiert ist und spezifische Aussagen über relevante Bedingungen in der Umwelt macht, die unmittelbar als gesellschaftlich vermittelt interpretiert werden können. Hier deuten sich jedoch bereits die Grenzen dieser Theorie für die Erklärung von  allgemeinen Sozialisationsprozessen an, da sie keine genauere Erklärung dieses Geschehens liefern kann. Wo sie dennoch diesen Totalitätsanspruch erhebt, führt dies dazu, gesellschaftliche Widersprüche in innerpsychische Konflikte des einzelnen aufzulösen und gesellschaftliche Reibungspunkte als Krise interagierender Individuen umzudeuten. So kann die psychoanalytische Theorie die innerpsychischen Prozesse des Sozialisationsgeschehens zwar aufdecken, die gesellschaftlichen Strukturen aber, samt ihrem Einfluß auf die kindliche Entwicklung, kann sie nur bedingt erfassen.

 

3.2 Meads Sozialisationskonzept

 

Das Konzept Freuds enthält trotz der unzureichenden Möglichkeiten bezüglich der Erklärung gesellschaftlicher Einflüsse für den Sozialisationsprozeß wertvolle Impulse für die interaktions- oder handlungstheoretische Sozialisationskonzeption George Herbert Meads, der sich bei der Erklärung des Sozialisationsprozesses wesentlich auf die Darstellung des Ursprunges und die Entstehung der menschlichen Subjektivität bezieht. Grundlage für diesen Prozeß ist in seiner Konzeption die Auseinandersetzung des Menschen mit der natürlichen und sozialen Umwelt. Vergesellschaftung und Individuation sind für Mead zwei aufeinander bezogene Dimensionen, die im gemeinsamen Wechselspiel die Entstehung des menschlichen Subjekts möglich machen. Die Parallelen zu Freud werden vor allem durch die Einführung zweier Größen besonders deutlich, die in Meads Theorie entscheidend an der Persönlichkeitsentwicklung teilhaben. Es ist dies die eher soziale Komponente des ‚Me‘ und die eher psychische Komponente des ‚I‘. Das ‚Me‘ präsentiert die eigenen Vorstellungen davon, wie die anderen Menschen ein Individuum sehen und wie es sich nach der Interpretation ihrer Erwartungen zu verhalten hat. Es speichert gewissermaßen die intersubjektiv ausgehandelten Erwartungen und stellt handlungsleitende Strukturen und Orientierungen zur Verfügung. Das ‚I‘ besitzt gegenüber dem ‚Me‘ eine stärker impulsive und spontane Qualität, die zwar durch das ‚Me‘ gezügelt wird, aber eine unabhängige Größe der Persönlichkeit darstellt. Das ‚I‘ stellt gewissermaßen die Reaktion des Organismus auf die Haltungen der anderen dar. Trete ich nun mehreren Menschen gegenüber, so gewinne ich mehrere unterschiedliche Me´s. Diese müssen, wenn konsistentes Verhalten überhaupt möglich sein soll, zu einem einheitlichen Selbstbild synthetisiert werden. D. h. der Handelnde muß sich an einem für alle Handelnden gültigen Ziel orientieren. Gelingt diese Synthetisierung, dann  entsteht das ‚Self‘. Der Mensch gewinnt mit dieser Ich-Identität eine einheitliche und doch auf die Verständigung mit stufenweise immer mehr Partnern hin offene und flexible Selbstbewertung und Handlungsorientierung. Identität im Sinne von Selbstsein und Selbstempfinden (‚Self‘) entsteht als ein Produkt beider Größen, des ‚I‘ und des ‚Me‘. Das ‚Self‘ kann nun der reflexiven Intelligenz des Menschen, dem Bewußtsein (‚Mind‘), zum Objekt werden. Erst aus dem komplexen Zusammenspiel von ‚I‘, ‚Me‘, ‚Self‘ und ‚Mind‘ sind in der Meadschen Konzeption die Entstehung der Persönlichkeit des Menschen und sein Handeln möglich und erklärbar. Der Mensch kann dadurch als ein Wesen mit reflexivem Bewußtsein von sich selbst verstanden werden, der ein individuelles und zugleich soziales (vergesellschaftetes) Subjekt darstellt.

Einen großen Stellenwert innerhalb der Meadschen Theoriebildung nehmen die Symbole im Handlungsprozeß des Menschen ein, die für die Interaktionspartner zum Träger von Bedeutungen werden. Damit versuchte Mead ein sozialpsychologisches Konzept zu entwerfen, das Verhalten als Handeln in und durch Symbole begreift. Ausgehend von der Geste, die als wahrnehmbare Äußerung dem Interaktionspartner anzeigt, welche Absichten der Handelnde verfolgt, gelangt Mead zu der Bedeutung der Symbole, die für soziales Handeln konstitutiv sind und ihre Bedeutung durch Interaktionen erhalten. Durch den Austausch von Symbolen ist nun die gemeinsame Orientierung möglich. Dies geschieht dadurch, daß die Symbole sowohl für den, der sie produziert, als auch für den, der sie aufnimmt, dieselbe Bedeutung besitzen und dadurch zu signifikanten Symbolen werden. Bedeutungen in Form von signifikanten Symbolen, wie insbesondere der Sprache, können eigene künftige Handlungen anzeigen, die Handlungen des anderen identifizieren und Beziehungen zwischen den Handlungslinien von Interaktionspartnern herstellen. Um gemeinsam und abgestimmt handeln zu können, muß ein Mensch in der Lage sein, Empathie aufzubringen, also die eigene zu vollziehende Handlung in ihrer Bedeutung für den anderen einzuschätzen. Daraus ergibt sich auch die Vorwegnahme der Reaktion des anderen. Jeder Mensch muß sich selbst mit den Augen des anderen sehen und auch dessen Handlungen gedanklich vorwegnehmen. Die Menschen gehen bei ihrer Kommunikation von der im Alltag auch bestätigten Annahme aus, daß die sprachlichen Äußerungen eine vom anderen intendierte und von mir verstehbare, also gemeinsame Bedeutung haben. Mead erklärt dies damit, daß ich als Sprecher auch meine eigenen Äußerungen akustisch wahrnehme, also gleichzeitig Hörer bin. Allgemeiner formuliert: daß ich die Position des anderen einnehme. Damit gelangt man zu dem von Mead geprägten Begriff des ‚role-taking‘, also das virtuelle Sichhineinversetzen in die Position oder Rolle des Interaktionspartners. Mead geht davon aus, daß wir im Interaktionshandeln immer Erwartungen an das Verhalten der anderen hegen, ja auch ihre Sichtweise und Erwartungen uns gegenüber antizipieren, so wie wir umgekehrt davon ausgehen, daß die anderen unsere Sicht und unsere Erwartungen an sie antizipieren. In diesem Sinne kann man sagen, daß wir die anderen verinnerlicht haben. Wie bereits angedeutet, fassen wir die einzelnen Positionen der anderen zu einer Gruppe, zu einem „generalisierten Anderen“ zusammen und nehmen dessen Perspektive ein. Zugleich, und hierauf legt Mead ein besonderes Gewicht, findet durch diese Übernahme der generalisierten Haltungen der anderen eine individuelle Spiegelung der allgemeinen, systematischen Muster des gesellschaftlichen oder Gruppenverhaltens statt. Mit dieser Übernahme und der gleichzeitigen Spiegelung der Sicht der anderen, erhalten wir so erst die Möglichkeit, eine sinnhafte Handlung auszuführen, auf die der Interaktionspartner reagieren kann. Jeder Mensch muß sich durch die Augen wichtiger anderer Menschen und auch eines Kollektivs anderer Menschen sehen und auf diese Weise sich selbst zum Objekt werden, um subjektiv sinnhaft handeln zu können.

In Meads Theorie wird soziales Handeln als ein Prozeß symbolisch vermittelter Interaktion verstanden, der sich durch und über die wechselseitige Interpretation von Situationsdefinitionen, Dispositionen, Rollenerwartungen und Handlungsentwürfen durch Handlungspartner vollzieht. Insofern können die wahrgenommenen Absichten und Einstellungen sowie die Bedeutungen im Handeln der anderen ebenso wie die Definition der eigenen Handlungen als vorläufige Interpretationen verstanden werden, die ständig einer Revision durch nachfolgende Ereignisse im Handlungsprozeß unterliegen. Die wesentliche Bestimmung symbolisch vermittelter Interaktion ist darin zu sehen, daß sie ein prinzipiell offener, dynamischer, revidierbarer und auf permanente Interpretation angewiesener Prozeß ist. Aus der Sicht von Mead ist nun die Entwicklung der Persönlichkeit aufs engste mit der symbolischen Interaktion verbunden. Indem das Individuum an dem Symbolsystem der Sprache teilhat, wird es damit in die Lage versetzt, sein eigenes Handeln vom Standpunkt der anderen aus zu sehen. Der Mensch wird so in die Lage versetzt, auf die von ihm selbst hervorgebrachten Gebärden und Äußerungen selbst zu reagieren, und zwar in einer antizipatorischen  und damit das mögliche Antwortverhalten des Handlungspartners innerlich repräsentierenden Weise. Damit aber wird das eigene Verhalten an potentiellen Reaktionen von Partnern  ausrichtbar. Da der Partner prinzipiell über dieselbe Fähigkeit verfügt, wird ein gemeinsames, kollektives Handeln möglich, das an einem gemeinsam verbindlichen Muster wechselseitiger Verhaltenserwartungen orientiert ist. Aus dieser Sicht wird in der menschlichen Gesellschaft individuelles, aber nicht naturhaft festgelegtes Handeln ausdifferenziert und über wechselseitige Verhaltenserwartungen zu einer Gruppenaktivität integriert.

Wie kann nun aber aus dieser Sicht Sozialisation interpretiert werden und wodurch zeichnet sich diese aus der spezifischen Sicht Meads aus? Im Vordergrund der Meadschen Sozialisationstheorie steht der Begriff der Rollenübernahme, die bei ihm nicht nur einen ausgrenzbaren Bereich der kommunikativen Fähigkeiten betrifft, sondern darüber hinaus auf die allgemeine kognitive, die motivationale und die moralische Entwicklung bezogen werden kann. Sozialisation ist ein Prozeß des Erlernens von Bedeutung und von Situationsdefinitionen, die innerhalb und aufgrund der Beziehungen des Kindes zu den schon sozialisierten Mitgliedern der Gesellschaft erzeugt werden. Durch die Reaktionen der anderen auf die Aktivitäten des Kindes lernt das Kind allmählich, wer es selbst ist: Es sieht sich aus der Perspektive der anderen. Diese Übernahme der anderen Perspektive wird eben durch die Fähigkeit der Rollenübernahme erreicht. Am Ende des Sozialisationsprozesses steht die Entwicklung des ‚Selbst‘, das sich aus einer Synthese der Instanzen des ‚Me‘ (also die Vorstellungen des Individuums davon, wie andere es sehen) und des ‚I‘ (also die Reaktion des Individuums auf die Erwartungen der anderen Interaktionsteilnehmer) herausbildet. Die Theorie Meads stellt also eine Konzeption zur Verfügung, mit der die Bildung und Entwicklung der Persönlichkeit innerhalb sozialer Interaktionsstrukturen hergeleitet werden kann. Der Reiz der Theorie für die Sozialisationsforschung liegt darin, individualistisch-handlungstheoretische und gesellschaftlich-strukturtheoretische Aspekte in einer Theorie kommunikativer Beziehungen zwischen Menschen miteinander verbunden zu haben. Abschließend können vier Bereiche definiert werden, die das Meadsche Rollenkonzept für die Sozialisationstheorie sehr fruchtbar macht: 1. Die soziale Genese der Identität ist der zentrale Gegenstand seiner Betrachtung; 2. Die Berücksichtigung des prozeßhaft-offenen Charakters von Interaktionen führen zu einer Analyse der inneren Struktur der Sozialisationsinstanzen. Es treten weniger statisch-strukturelle Sachverhalte in den Vordergrund, sondern vielmehr die Dynamik wechselseitiger Definitionsprozesse; 3. Die Lockerung des Bezugs von einer ein für allemal fertigen Persönlichkeitsstruktur führt zu einer Ausdehnung des Gegenstands der Sozialisationsforschung über die Kindheit hinaus und 4. Mit dieser Theorie kann die Untersuchung einer lebenslangen Persönlichkeitsveränderung durchgeführt werden.

Meads Konzept unterliegt jedoch auch einer kritischen Beurteilung. Kritisiert wird hierbei, daß Mead zwar eine differenzierte Konzeption der Persönlichkeitsbildung im sozialen Prozeß des gemeinsamen Handelns und Kommunizierens entworfen hat, daß in seiner Konzeption jedoch nur vage sozialstrukturtheoretische Aussagen vorhanden sind. Die Kritiker richten sich gegen eine dieser Theorie immanente Vereinfachung der Gesellschaft. Die Theorie stellt demzufolge kein Instrumentarium zur Verfügung, mit dem die funktionalen Differenzierungen komplexer Gesellschaften ausreichend in die Analyse einbezogen werden könnten. Damit stellt die Theorie weder ein analytisches Instrumentarium für festgeschriebene Macht-, Einfluß- und Konfliktlinien industrieller Gesellschaften zur Verfügung noch kennt es gesellschaftlich-strukturelle Segmentierungen und Abgrenzungen von Handlungszusammenhängen in institutionellen oder organisatorischen Formen. Weiterhin werden der Mangel an historischer Perspektive, die Personalisierung der Einflußverhältnisse, die Blindheit der Theorie gegen tatsächliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse und schließlich die Tendenz, gegebene gesellschaftliche Situationen faktisch hinzunehmen kritisch vermerkt.

 

3.3 Parsons Ansatz der strukturell-funktionalen Systemtheorie

 

Ein ganz anderes Sozialisationsmodell bildet das Konzept der strukturell-funktionalen Systemtheorie von Talcott Parsons. Parsons Sozialisationstheorie ist einerseits das Ergebnis seiner Handlungs- und Systemtheorie, andererseits ist es hervorgegangen aus einer eigenwilligen Weiterentwicklung der Freudschen Theorie der Objektbeziehungen des Kleinkindes, die er als das entscheidende Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft, sowie zwischen Psychologie und Soziologie betrachtete. Handlungsleitendes Interesse bei Parsons Analysen war die Frage, wie innerhalb einer Gesellschaft Einheit zustande kommen kann. Seine Antwort lautet, daß die Einheit durch ein Gefüge allgemein verbindlicher Werte und Normen, die die divergierenden Einzelorientierungen begrenzen und sie auf gemeinsame Ziele lenken, zustandekommt. Bei Parsons zentrieren sich die wissenschaftlichen Vorstellungen vom Menschen zunehmend um den Aspekt des sozialen Handelns und im speziellen um die Frage, wie die sozialisierten Individuen ihre Gesellschaft handelnd gestalten. Ausgehend von der Tatsache, daß alle gesellschaftlichen Prozesse über das Handeln von Individuen vermittelt sind, ist der Bezugspunkt für das Interesse an der Sozialisationstheorie darin begründet, ob, in welcher Richtung und in welcher Weise die Gesellschaft durch die handelnden Individuen gestaltet wird. Parsons geht insofern davon aus, daß menschliches Verhalten durch die Merkmale und die Struktur des Handlungsbegriffs beschreibbar und analysierbar ist. Die entscheidende Grundkategorie des sozialen Handelns bildet nach Parsons die Orientierung. So wird das menschliche Handeln immer auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sein, das der Bedürfnisbefriedigung dient und zudem gewissen Normen und Auswahlprozessen unterworfen ist, die in der Sozialisation internalisiert werden. Modellhaft fallen also die institutionalisierten normativen Verhaltenserwartungen und die Bedürfnisdispositionen und Handlungsmotivationen der Akteure dergestalt zusammen, daß mit einem normenkonformen und damit auch allseitig befriedigenden Handeln gerechnet werden kann, was gleichzeitig die Stabilität des sozialen Systems zur Folge hat. Die Handlungen vollziehen sich also derart, daß die handelnden sich bei ihrem Handeln in Situationen an durch Übereinkunft festgelegten Normen und Deutungsmustern des gemeinsamen Symbolsystems orientieren.

Parsons betrachtet in seiner Konzeption die Handlungen als empirisch nicht vereinzelt, sondern sie treten, wie zuvor bereits angedeutet, seiner Meinung nach immer in Konstellationen auf, die er Systeme nennt, wobei er drei Systeme unterscheidet: das ‚soziale System‘, das ‚Persönlichkeitssystem‘ und das ‚kulturelle System‘. Ein System wird nach seinem Verständnis durch eine Mehrzahl miteinander interagierender Individuen gebildet. Die Aktoren verfolgen innerhalb dieses Systems zunächst einmal ein sehr egoistisches anliegen, da jeder den anderen zum Erreichen des eigenen Ziels, nämlich der Realisierung der eigenen Bedürfnisse benötigt. Diese wechselseitige Befriedigung aber führt letztlich zu einem gemeinsamen Interesse an der Aufrechterhaltung der Beziehung und damit zu deren Stabilisierung.

Die Struktur der Handlungssysteme ist nun dadurch gekennzeichnet, daß die Handelnden immer nur durch einen bestimmten Ausschnitt ihres gesamten Handelns innerhalb der Beziehungen vertreten sind. Ein derartiger Ausschnitt, der die Grundeinheit eines Systems sozialer Beziehungen darstellt, wird als Rolle bezeichnet und insofern wird der Rollenbegriff für Parsons letztlich zur begrifflichen Einheit des sozialen Systems. Das soziale System wird also aus den Beziehungsmustern zwischen verschiedenen Handelnden in ihrer Eigenschaft als Träger bestimmter sozialer Rolle gebildet. Diese Rolle wird aus der Sicht des Handelnden durch normative Erwartungen definiert, die von den Mitgliedern sozialer Gruppen und Institutionen an den Handelnden gerichtet werden. Sozialisation ist nun im Begriffsverständnis von Parsons der Vorgang der Übernahme und Verinnerlichung der Wertsetzungen und Rollennormen der sozialen Umwelt. Nach dieser Definition werden im Prozeß der Sozialisation schrittweise die Erwartungen und Verhaltensmaßstäbe des sozialen Systems aufgenommen, bis diese zu verinnerlichten und selbstwirksamen Motivierungskräften und Zielen für das eigene Handeln eines Menschen werden.

Sozialisation beginnt mit der Internalisierung wichtiger sozialer Objekte, die beim Kind durch die Pflege- und Bezugspersonen charakterisiert sind. Hierbei werden diese sozialen Objekte vor allem in ihren Rollenbezügen wahrgenommen. Damit stehen die Objekte nicht isoliert da, sondern verweisen auf soziale und kulturelle Systeme in denen sie stehen. Das Kind gelangt so zu den kulturellen Bedeutungsmustern, die sein Persönlichkeitssystem überhaupt erst konstituieren. Persönlichkeitssystem und soziales System bestehen damit im wesentlichen aus denselben Komponenten. Das Kind internalisiert bei diesem Prozeß also die komplementären Rollenmuster, d.h. sowohl die Verhaltensweisen seiner Bezugspersonen, als auch seine eigenen Reaktionen auf diese Verhaltensweisen und zusätzlich die Reaktionen der Beziehungspersonen auf seine Reaktionen, die ihm als Belohnung oder Bestrafung erscheinen. Dadurch werden ihm die Verhaltens- und Rollenerwartungen, die die anderen Personen an das Kind herantragen, offenbart. In Parsons Theorie wird also durch die Internalisierung der Rollenmuster des sozialen Systems das soziale System vom Persönlichkeitssystem gespiegelt, wobei die Entsprechung der beiden Systeme durch die kulturellen Bedeutungsgehalte garantiert werden.

Sozialisation ist damit der Internalisierungsprozeß, in dem das kulturelle System in die Persönlichkeit des einzelnen eingebunden wird. Dieser Prozeß beginnt bei der Internalisierung der ersten sozialen Objekte und ihrer Rollen und endet bei der Verinnerlichung des umfassendsten sozialen System, der Gesellschaft. Präziser formuliert stellt sich die Sozialisation als ein Prozeß sukzessiver Integration des jungen Menschen in immer umfassendere Subsysteme dar. Durch diesen Integrationsprozeß erwirbt ein Individuum sein Persönlichkeitssystem und internalisiert damit die Bedeutungsgehalte des jeweiligen kulturellen Systems. In der Theorie von Parsons ist damit die Voraussetzung für das Zustandekommen sozialen Handelns von Menschen die Abstimmung zwischen den Systemen Organismus, Persönlichkeit und Gesellschaft.

Der Sozialisationsprozeß ist nun als ein Lernprozeß aufzufassen, bei dem die genannten Systeme sich durchdringen und sich als Reaktion auf veränderte Situationsbedingungen im Laufe der Entwicklung auf mehr oder minder stabile Gleichgewichtszustände einpendeln. Diese Lernprozesse besitzen die Form einer Spirale von Phasenzyklen, wobei in jeder einzelnen Entwicklungsphase der Lernprozeß kreisförmig nach denselben Prinzipien abläuft. Am Beginn steht das Gleichgewicht des Persönlichkeitssystems, das  aufgrund der bis dahin internalisierten Interaktionsstrukturen, Bedürfnisdispositionen und Wertorientierungen  erreicht wurde. Durch Situationsveränderungen wie die biologische Reifung und die Reaktion anderer Personen auf diese Reifung, wird dieses Gleichgewicht nun zerstört, worauf das Individuum mit Frust reagiert. Die Folge wird sein, daß das Individuum bemüht sein wird, im Zuge dieser Phasen ein neues Gleichgewicht zu konstituieren. Der Gleichgewichtszustand ist damit als Zielzustand der einzelnen Systeme in der Beziehung zur Umwelt postuliert, womit der Prozeß der  Sozialisation für Parsons in diesem Verständnis einen gleichgewichtsstabilisierenden Mechanismus darstellt, da es durch die Verinnerlichung der Werte und Normen zu einer Abstimmung der Bedürfnisstruktur und der Persönlichkeitsstruktur mit der Sozialstruktur der Gesellschaft kommt.

Auch Parsons Theorie unterliegt in einigen Punkten der Kritik. Das Problem seiner Theorie ist die an Durkheim orientierte Sicht von Sozialisation als Vergesellschaftung, die sich in der Vorstellung der fertigen Persönlichkeit als ‚Spiegelbild‘ der Sozialstruktur am besten ausdrückt und in der Individuation als Teil des Sozialisationsprozesses nicht ausreichend beachtet wird. Der Mensch wird dadurch nicht als aktiver Erschließer und Gestalter seiner Umwelt verstanden, sondern er steht einer übermächtigen Gesellschaft gegenüber, deren Einflüsse er sich nicht erwehren kann. Damit unterschätzt Parsons den Spielraum für die Entwicklung einer eigenen, vom gesellschaftlich etablierten und institutionalisierten Rollensystem abweichenden Persönlichkeit, und damit auch den Spielraum für Wertstrukturen und Handlungsziele, die ein distanziertes Rollenhandeln ermöglichen. Dies kann auch nicht durch seinen Bezug zur psychoanalytischen Theorie korrigiert werden, da diese Teile nur additiv einbezogen werden.

 

4. Schlußbetrachtung

 

Ist in Meads Theorie noch größten Wert darauf gelegt worden, daß die Rollenerwartungen und die daraus hervorgehenden Verhaltensorientierungen in einem aktiven Prozeß des gegenseitigen Aushandelns und damit im Rahmen einer Interpretationsleistung der handelnden Individuen verinnerlicht werden, so ist aus der Sicht von Parsons die Rollenübernahme stark an die im Zuge einer Durchdringung der Systeme von Organismus, Persönlichkeit und Gesellschaft internalisierten Werte und Normen einer spezifischen Kultur gebunden, die im Zuge der Sozialisation angeeignet werden. Wie die Werte als Elemente des kulturellen Systems und die Bedürfnispositionen als die Elemente des Persönlichkeitssystems aufzufassen sind, so begreift Parsons als Elemente des sozialen Systems die Rolle, die sich aus Werten ergibt, auf Interaktionen bezieht und auf Bedürfnisdispositionen stützt. Bei Parsons bewegt sich der Mensch im Laufe seiner Sozialisationsgeschichte durch immer komplexer werdende Rollenstrukturen (erst in der Zweierbeziehung mit der Mutter, dann in der Kernfamilie, dann in der Beziehungssttruktur in den Erziehungsinstitutionen und schließlich in den komplexen Rollenfeldern des Erwachsenen) und muß sich mit den jeweiligen wechselseitigen Erwartungen in unterschiedlichen Rollenbeziehungen auseinandersetzen. Die handlungstheoretische Konzeption der Sozialisation von Mead geht vom Modell eines kreativen, produktiv seine Umwelt verarbeitenden und gestaltenden Menschen aus, in der der Mensch mit Hilfe der symbolischen Kommunikation die eigene Umwelt und die eigenen Handlungen mit Bedeutung versehen und sich in die Rolle eines anderen hineinversetzen kann und auf diesem Wege sein Bewußtsein ausbilden kann. In Meads Theorie ist das menschliche Bewußtsein und das menschliche Handeln kein mechanischer Ausdruck der sozialen Strukturen. Vielmehr bilden sich nach dieser Theorie die sozialen Strukturen aus den wechselseitigen Beziehungen der Menschen untereinander und sind so das Produkt der Interaktion und Interpretation.


 

 

 

 

Literaturhinweise:

 

 

- Geulen, Dieter: Die historische Entwicklung sozialisationstheoretischer Paradigmen. In: Hurrelmann, Klaus/ Ulich, Dieter (Hg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim, Basel 1980. S. 15-49.

- Geulen, Dieter/ Hurrelmann, Klaus: Zur Programmatik einer umfassenden Sozialisationstheorie. In: Hurrelmann, Klaus/ Ulich, Dieter (Hg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim, Basel 1980. S. 51-67.

- Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationsttheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. Weinheim, Basel 1993.

- Joas, Hans: Rollen- und Interaktionstheorien in der Sozialisationsforschung. In: Hurrelmann, Klaus/ Ulich, Dieter (Hg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim, Basel 1980. S. 147-160.

- Mühlbauer, Karl Reinhold: Sozialisation. Eine Einführung in Theorien und Modelle. München 1980.

- Ottomeyer, Klaus: Gesellschaftstheorien in der Sozialisationsforschung. In: : Hurrelmann, Klaus/ Ulich, Dieter (Hg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim, Basel 1980. S. 161-193.

- Parsons, Talcott: Sozialstruktur und Persönlichkeit. 2. Aufl. Frankfurt/M. 1977.